Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.
Mehr als nur ein Marathon – Extremsport im Treppenhaus am 18.2.2017
Normalerweise ist es für einen Ultraläufer nichts Besonderes einen Marathon zu laufen. Wenn dieser aber NUR aus Treppen besteht, wird daraus allerdings etwas „spezielles“.
Total verrückt, waren meine ersten Gedanken, als ich Mitte 2016 im Internet ein Video über die 1. Vertical Marathon WM gesehen habe. Nachdem ich mich auf deren Homepage ein wenig eingelesen und Kontakt zu dem Veranstalter, Horst Liebetruth, hergestellt hatte, stand mein Entschluss fest: DAS WILL ICH AUCH VERSUCHEN :-) Mit etwas Glück habe ich noch den letzten von 20 Startplätzen bekommen, und das Treppenlauftraining konnte beginnen.
Da ich aber noch keine großen Erfahrungen im Treppenlaufen hatte, und ich Treppentraining auch in meinem normalen Lauftraining nur selten eingebaut habe, musste ich in der Vorbereitung viel experimentieren, wie oft, wie lange, wo, und wie schnell waren hier einige der Fragen, die beantwortet werden mussten.
Mit dem Eichbergturm mit 480 Stufen in einer Runde als „Outdoortreppe“, und dem Nottreppenhaus in einem großen Hotel mit 192 Stufen in einer Runde als „Indoortreppe“, waren meine Spielplätze für das Training schnell gefunden.
So begann ich ca.4 Monate vor dem Vertical Marathon mit dem spezifischen Training. Erst 1x , später 2x pro Woche bis zu 4,5 Stunden Treppenlaufen, zu meinem normalen Lauftraining. Außerdem 3x pro Woche spezielle Kräftigungsübungen für Oberschenkel, Waden, Po und Rücken im Fitness Studio.
Die Vorbereitung lief relativ gut, bis auf phasenweise Probleme mit dem rechten Knie beim Treppen runter laufen. Und so bin ich hochmotiviert einen Tag vor dem Wettkampf nach Hannover gefahren, wo ich zusammen mit meinem Betreuer, Björn Herold, eine Privatwohnung bezogen habe.
Vert 01
Wettkampftag
Um 8 Uhr war der Start im Annastift Bildungswerk Hochhaus. Um 7 Uhr mussten wir schon wegen der Wettkampfbesprechung vor Ort sein. Außerdem wurde ein sehr schönen Gruppenfoto gemacht. Kaum umgezogen hieß es schon …..3....2....1....LOS
Nun war es meine, und von den anderen 18 Startern, die Aufgabe innerhalb 15 Stunden, 83808 Treppenstufen, das sind 194 Auf/Abstiege über 13 Etagen, die volle Marathondistanz von 42,2 Km zu laufen..puhhh!
Vert 02An der untersten und obersten Etage war jeweils eine elektronische und eine manuelle Rundenzählung, wo durch sehr nette Helfer eine Strichliste von jedem Läufer gemacht wurde.
In der untersten Etage befand sich der Verpflegungsstand, Toiletten, Aufenhalträume und die Massage. Im Eingangsbereich wurde außerdem noch eine Leinwand für das Puplic Viewing aufgebaut.
Zwischen den Etagen 5-10 wurden für alle Läufer Tische aufgestellt, wo man seine eigene Verpflegung,Wechselklamotten usw. deponieren konnte. Mein Tisch stand in Etage 7. Hierhin konnte man sich auch von einem Helfer Verpflegung aus der offiziellen Verpflegungsstation aus dem Untergeschoss hochbringen lassen, was wirklich ein super Service gewesen war. → Brauche dringend einen Kaffee..zwei Runden später stand der Kaffee auf meinem Tisch :-)
An Verpflegung gab es wirklich alles, was man sich nur wünschen kann. Bereits im Vorfeld fragte der Veranstalter, was man gerne haben möchte. Egal ob Gummibärchen, Haferschleim, Grießbrei, Salztabletten oder Gewürzgurken:  Jeder Wunsch wurde so gut es ging erfüllt.
Auf meinem Tisch stapelten sich im Laufe der Zeit immer mehr Zeug und es sah mehr und mehr wie auf einem Schlachtfeld aus. Leider habe ich davon kein Foto gemacht.
Für die 100. und letzte (194.) Runde konnte man sich im Vorfeld ein Lied wünschen, welche dann auch pünktlich zur jeweiligen Runde als Motivationsschub, lautstark im Treppenhaus abgespielt wurde. Dazu waren auf einigen Etagen extra Lautsprecher aufgestellt.
So verliefen die ersten 100 Runden relativ gut, und ich habe mich zu dem Zeitpunkt noch auf dem 4.Platz bewegt, Außerdem wurden die anderen Teilnehmer, welche noch vor dem Start alle unbekannt für mich waren von Runde zu Runde vertrauter. Unglaublich wie gut drauf alle trotz der Anstrengung gewesen waren. Immer ein Lächeln und einen lockeren Spruch auf Lager, wenn man sich begegnet ist. Echt ganz tolle und liebe Menschen.
Nach knapp 8 Stunden hatte ich nicht mehr so viel zu lachen, da sich mein rechtes Knie beim runter laufen deutlich beschwert hat, und ich mein Tempo Treppenabwärst deutlich reduzieren musste. Ich hatte dann versucht, schneller nach oben zu kommen, was aber auch nicht mehr so richtig funktionierte. Hier hatte ich das erste mal dran gedacht, nach 10 Stunden aufzuhören, zu duschen und die anderen Teilnehmer anzufeuern.
Nach einer längeren Pause und Gesprächen mit meinem Betreuer und anderen Läufern, hatte ich mich entschlossen, dass ich auf jeden Fall die 15 Stunden zu Ende Laufen wollte, auch wenn ich die 194 Runden nicht mehr schaffen sollte. Aufgeben war ab dem Zeitpunkt keine Option mehr. Auch nicht, als ich wegen Magenprobleme alle paar Runden das Klo aufsuchen musste.
Durch Veränderung der Lauftechnik besserten sich sogar meine Knieprobleme und ich konnte fast wieder mein Anfangstempo von ca. 3:20min/Runde durchlaufen. Jetzt begann das große Rechnen, dass ich es doch noch innerhalb des Zeitlimit schaffen könnte und ich mobilisiere meine letzten Reserven.
In der letzten Runde ertönte mein Finallied und jeder Läufer wurde in dieser Runde vom Horst mit der Videocam verfolgt und gefilmt.
Der Moment als ich dann in das Ziel eingelaufen bin, war so emotional, dass ich feuchte Augen bekommen habe und es noch gar nicht richtig realisieren konnte, es endlich geschafft zu haben. 6. Platz in 12:53 Stunden!
Vert 03
Fazit: Das war mit Abstand mein mental härtester Laufwettkampf, härter als jeder 100Km Lauf an dem ich bis jetzt mitgemacht habe, und nach dem Triple Ultra Triathlon in Lensahn, mein zweithärtester Wettkampf überhaupt!
Die Veranstaltung war perfekt organisiert und man hatte gemerkt, das alle Helfer mit viel Herzblut bei der Sache sind. Auch ein großes Kompliment an LG Ultralauf-Vereinskamerad Sascha Mörth, der trotz einigen Schwierigkeiten bis zum Zeitlimit weitergekämpft hat!
Ob ich noch einmal beim Vertical Marathon mitlaufen würde? Tja...ich stehe schon auf der Liste für 2018 ;-)
Text und Bilder: André Weinand, 22.2.2017