Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

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Kirsten, am Ziel eines langen Weges, von dem sie hier, auf der LG Ultralaufseite, in zwei Teilen berichtet

Wie alles begann

März 2016. Es sind 40°Grad im Schatten. Eine leichte Meeresbrise macht das Liegen am Strand der Gewürzinsel Sansibar erträglich. An Laufen bei dieser Hitze ist absolut nicht zu denken. Vor zwei Tagen bin ich mit meiner Mutter auf den Kilimanjaro in Tansania gekraxelt. Jetzt gönnen wir uns ein paar Tage der genussvollen Trägheit. Ich habe das Buch "Running Wild" von Rafael Fuchsgruber in der Hand. Wie schafft er bei dieser Hitze jeden Tag einen Marathon? Ich bin schon klatsch nass, wenn ich erfolgreich den Weg zur Bar und zurück bewältigt habe.

Wenige Monate später. Ich lese einen Facebook-Post von Rafael, in dem er zu seinem zehnjährigen Wüstenjubiläum einen Club mit Wüsten-Rookies gründet. Mmh...ich habe gerade mit dem Rennsteig meinen ersten Ultra gefinisht. Ist dann so ein Wüstenrennen über 250km in 7 Tagen nicht etwas größenwahnsinnig? Mir geht der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf und meine Mutter findet die Idee so genial bekloppt, dass sie mich ohne zu überlegen ermutigt mitzumachen. Solche Eltern braucht man. Bei meinen muss ich meine Grenzen klar selber definieren, sonst laufe ich eines Tages einmal komplett zum Mond und zurück ;-)

Ende November 2016. Ich mache Nägel mit Köpfen und melde mich an. Oh, Gott. Was tue ich da? Warum nicht einfach irgendwo einen netten Halbmarathon laufen?
Selbigen Gedanken haben bestimmt auch die anderen Mitglieder des "Little Desert Runners Club". Ab jetzt eröffnen wir jeweils zu Hause eine Sammelstelle für diverses Outdoor-Equipment. Eine nicht enden-wollende Anzahl an Päckchen wird mir von meinem Paketzusteller überreicht. Ein Unterschriftsstempel wäre was.

Das Training läuft leider mehr als bescheiden. Erst bekomme ich um Weihnachten eine ordentliche Grippe. Kurz nach dem Kevelaer Marathon Anfang Januar, den ich als offiziellen Start für das Namibia-Training auserkoren habe, bekomme ich Probleme mit dem ISG. Immer wieder blockiert es. Die Schmerzen ziehen nach wenigen Laufkilometern ins Knie. Orthopädie, Osteopathie und Physiotherapie bringen allesamt überhaupt nichts. Ich wollte in der Vorbereitung ordentlich klotzen und jetzt das. Schon seit ein paar Monaten habe ich das Gefühl permanent zu wenig zu machen, zu langsam zu laufen und meinen und anderer Erwartungen nicht ansatzweise genügen zu können. Laufen macht mir an diesem Punkt überhaupt keinen Spaß. Alles fühlt sich schwer an. Sobald die Schmerzen einsetzen, humple ich frustriert nach Hause. Meine eigentliche Trainingszeit verbringe ich bei diversen Ärzten und Therapeuten. Langsam rennt die Zeit weg und ich bekomme Angst, dass ich das Namibia Rennen absagen muss. Kann ich aber nicht. Geht einfach nicht. Ich bringe es nicht übers Herz. Welche Möglichkeiten gibt es also sonst noch? Psyche und Blut. Der Bluttest ergibt einen enormen Eisen- und Vitamin D-Mangel. Nach den Infusionen kann ich schon mal von 7 auf 17 Kilometer erhöhen.

Da ich im Sommer das Buch "Mentaltrainer für Läufer" nicht nur durchgelesen, sondern durchgeackert habe, frage ich Michele Ufer, ob er mit mir ein Coaching durchführen würde. Und hier liegt des Pudels Kern. Gemeinsam erarbeiten wir meine Werte, die ich beim Laufen leben möchte: Natur, Weite, Freiheit, Gemeinschaft, Körper- und Geisterfahrung und Kraft. Da steht gar nichts von Pace, Zielzeit, Optimierung und Maximierung. Also weg mit dem ganzen Erwartungs- und Leistungsballast. Mit Hilfe einer Wachhypnose auf dem Ergometer erahne ich wie wunderbar so ein Wüstenlauf sein kann. Der Bann ist gebrochen. Die Schmerzen sind nach kurzer Zeit wie weggeblasen und das Training kann endlich beginnen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. In gut 5 Wochen sitze ich schon im Flieger. Ich achte beim Training nun besonders auf Abwechslung; Freude und meine körperlichen Signale. Immer wieder übe ich mich in den gelernten mentalen Techniken. Es läuft erstaunlich gut. Fit und ausgeruht setze ich mich mit meinen 7 bzw. 700 Sachen in den Flieger Richtung Windhoek. Ruhe kehrt langsam ein. Die letzten Wochen waren nicht nur durch das Training, sondern auch durch Unruhe und tausend Fragen gekennzeichnet. Besonders gerne sind mir zu nachtschlafender Zeit Fragen dieser Art eingefallen: "Wie fülle ich den Buffer unterwegs in die Flaschen?", "Wie viele BHs nimmt man mit?" aber auch "Wie in Gottes Namen soll ich das schaffen? Auf dem Untergrund? Bei der Hitze? Mit meinem Training?" Es ist echt gut, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt.

Die vielleicht intensivste Woche meines Lebens

Der Check-In mit der Kontrolle der gesamten Ausrüstung hat bei allen Teilnehmern des Clubs reibungslos funktioniert. Wir haben eben einen super Mentor an der Hand. Die Ausrüstung ist effizient und perfekt ausgesucht. Da macht keiner von uns grobe Fehler. Rafael schaut bei einigen Teilnehmern nochmal genau hin und kürzt hier und da einen Kamm oder eine Isomatte auf die Hälfte. Wüstenschlaue Gewichtsoptimierung.

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Check-In und Kontrolle der gesamten Ausrüstung. Mein Rucksack wiegt zu Beginn ohne Wasser 9,5 kg. Damit durch weichen Untergrund zu laufen, ist schon nicht ohne.

Endlich steigen wir in die Busse und werden 300 km nördlich von Swakopmund in die Namib-Wüste gefahren. Ich kann es kaum noch erwarten. Jetzt möchte ich los.

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Der Little Desert Runners Club kurz vor der Fahrt in die Wüste

Die erste Etappe beginne ich ehrfürchtig. Wie reagiert mein Körper auf die Wärme? Wieviel Kraft habe ich angesichts des schwer laufbaren Terrains? Ruhig und zurückhaltend laufen Martina, Andrea und ich los. Gefühlt alle zwei Meter machen wir einen Fotostopp, weil sich die Landschaft schon wieder verändert hat. Die Formationen und Farben gepaart mit der Weite und dem besonderen Licht sind wunderschön anzuschauen.

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Rechts Andrea, deren akribisches Training sich mehr als auszahlt. In der Mitte Martina, die mit der Erfahrung von nur zwei Marathons ein wahnsinnig gutes Rennen abliefert!

Nach der ersten Hälfte verspüre ich eine Unruhe in meinem Bauch und verabschiede mich von meinen beiden sehr sympathischen Mitläuferinnen. Jetzt geht es richtig los. Die anfängliche Skepsis ist abgelegt und ich drücke leicht auf die Tube. So fühlt es sich prima an. (Nur fürs Protokoll: Ich habe keine Uhr um und orientiere mich einzig und alleine an meinem Körpergefühl; aber wie will man sich in der Wüste auch an einer Pace oder Zielzeiten orientieren?)

Ich fühle mich frei! Bin ein kleiner Teil dieser großen, weiten, sich ständig verändernden Welt. Immer wieder durchströmt mich eine tiefe Dankbarkeit hier heute starten zu dürfen. Die Weite macht auch meinen Kopf und mein Herz komplett weit.

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www.4Deserts.com/ Onni Cao

Im Ziel bin ich verwirrt. Warum bin ich dritte Frau? Wo sind die anderen? Immerhin sind 25 Frauen an den Start gegangen! Gleichzeitig habe ich mich heute eher unterfordert und fühle mich noch völlig frisch. Aber wie sollte man sich den bei einem Etappenlauf fühlen, wenn man ins Ziel kommt? Die Antwort von Rafael lautet: Du darfst an dem Tag nicht mehr laufen wollen, aber ins Ziel kriechen solltest du auch nicht.

Rafael fährt nochmal raus auf die Strecke, um Antje, die an einer schweren Stoffwechselkrankheit leidet, ins Ziel zu begleiten. Doch was macht sie trotz Handicap? Sie ist so schnell im Ziel, das Steffen, der neben seinem eignen Rennen noch als Kameramann tätig ist, flucht. „Man, ich wollte sie doch filmen. Warum ist sie schon da?“ Ja, mit Antje müssen wir auch in den nächsten Tagen immer sehr früh rechnen. Sie hat meine ganz besondere Anerkennung! Immer wenn bei mir ein kleiner negativer und müder Gedanke aufblitzt, denke ich an sie und was sie hier leistet. Ich habe absolut keinen Grund falsche Müdigkeit vorzutäuschen.

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Antje mit Ralf. Beides ganz besonders herzliche Menschen, die eine so kraftvolle Klarheit und positiven Willen haben, dass jede Hürde vor Angst wegläuft.

Bei der zweiten Etappe ziehe ich mit Steffen los. Ich möchte etwas mutiger laufen und verlasse mich auf seine Aussage, dass er heute etwas gemütlicher als gestern laufen möchte. Er erklärt mir seine Taktik: Bis CP2 ruhig und dann langsam steigern. Okay. Klingt gut. Wie war das mit dem Plan und der Tonne?

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Steffen rechts. Ein wahnsinnig guter Läufer, der hier in Namibia die Grenzen des menschenmöglichen deutlich verschiebt. Was ein Kämpfer!

Wir freuen uns wie kleine Kinder über die ersten Sanddünen, die wir hoch und runter rennen. Steffen schlägt ein gutes Tempo an und läuft sehr gleichmäßig und ruhig. Noch nervt mich mein Kopf etwas. Der denkt zu viel. Wo ist der Aus-Knopf? Ah, gefunden….sehr gut. Jetzt kann ich einfach laufen. Nicht nachdenken, sondern einfach völlig aufgehen in dem Moment und der herrlichen Landschaft. Steffen bekommt Probleme mit seinem Magen und schickt mich weg. Kurze Zeit später sehe ich nirgends mehr ein pinkes Fähnchen, das der Streckenmakierung dient. Hinter mir ruft Steffen von einer entfernten Düne. Puh, das war knapp. Völlig orientierungslos durch die Wüste zu laufen ist nicht ganz so lustig. Durch den starken Wind sind einige Fähnchen weggeweht worden.

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Das Ziel liegt etwas versteckt in den Dünen direkt am Meer.

Rafael, der kurz vor mir ins Ziel gekommen ist, fällt bei meiner Überquerung der Ziellinie vor mir auf die Knie und umarmt mich. Ich bin als erste Frau im Ziel! Es folgt ein virscher Dialog: Wo sind denn die anderen schnellen Frauen? Du bist die Schnellste. Die anderen sind langsamer! Ja, aber das kann doch nicht sein! Habe ich eine falsche Taktik gewählt? Warum ist das so? Nein, du bist einfach schneller als die anderen. Ja, aber das kann doch nicht sein.
Ich bin ziemlich verwirrt und begreife erstmal gar nichts. Muss ich aber auch noch. Das Rennen ist noch lang und alles Mögliche kann passieren.
Da ich ja schon begonnen habe meinen Kopf abzuschalten, ignoriere ich auch erstmal die Tatsache mit dem Ranking und widme mich dem Campleben. Ich liebe die Reduktion auf das Wesentliche. Weg mit dem ganzen zivilisatorischen Quatsch. Alles, was ich für die Woche brauche, habe ich im Rucksack. Essen, Schlafsack, Isomatte, Jacke, Blasenkit und noch allerhand Pflichtausrüstungsgegenstände. Ich vermisse überhaupt nichts. Es ist einfach wunderbar gerade hier zu sein. Menschen aus 38 Nationen gehen so liebevoll, respektvoll und freundlich miteinander um, dass jedes Projekt für Frieden, Toleranz und Völkerverständigung neidisch werden kann.

Die Nächte auf der Isomatte, wenn der Rücken und die Beine eh schon schmerzen, sind hart und unbequem. Synchron drehen wir uns immer wieder vom Rücken auf die Seite und zurück. Aber es gibt kein schöneres Erwachen als durch die offene Zelttür friedlich Menschen am Lagerfeuer sitzen zu sehen während im Hintergrund die Sonne aufgeht.

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Ohne Wort. Einfach traumhaft

So vom Tag begrüßt steige ich jeden Morgen fit und ausgeruht aus dem Schlafsack. Die Lust wieder loszulaufen will nicht versiegen. Jede Etappe ist anders und die Bedingungen sind nie vorhersehbar. Wie ist der Untergrund? Wie sind die Temperaturen? Woher kommt der Wind? Wie wird es mir gehen?
Bewusst lenke ich immer wieder meinen Fokus auf das Positive. Natürlich habe ich auch mal Schmerzen, aber in meinem Alltag in Deutschland würde ich auch irgendwas Negatives finden. Keine Schmerzen, aber vielleicht Stress oder Termindruck. Realität ist das, was ich wahrnehme. Und das, was ich wahrnehme, entscheide ich. Also lenke ich meine Aufmerksamkeit weg von der Isomatte hin zum Sonnenaufgang und der friedlichen Atmosphäre. Klingt einfach. Ist es in der Wüste tatsächlich auch.

 

Text: Kirsten Althoff, Bilder: Kirsten Althoff, Veranstalter, 17.5.2017

Wie sich der dritte Tag und die folgenden entwickelten, könnt ihr im zweiten Teil "Ein grandioses Finale" lesen.

Ein paar Bilder der ersten Tage: