Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Dies ist der zweite Teil eines Berichtes von Kirsten Althoff, die an einem 250km-Etappenlauf durch die Wüste in Namib teilnahm.

Teil 1 könnt ihr hier nachlesen, der etwa mit diesem Bild endete:

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Ab der dritten Etappe begleitet mich Rafael. Was für eine Ehre!! Er ist der einzige Mensch in meinem Leben, von dem ich mir je ein Autogramm besorgt habe. Und nun läuft er mit mir! Jetzt kann mir tatsächlich nichts mehr passieren mit so einem Wüstenfuchs an meiner Seite!

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Ab jetzt habe ich die Ehre mit Rafael zu laufen. Ein Wüsten-Traum 😊

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Die ersten 30 Kilometer führen direkt am Strand entlang. Zu Beginn versuchen wir noch die laufbareren Sandwege zu finden, aber der Untergrund wechselt so schnell, dass wir nach kurzer Zeit die Bedingungen so nehmen wie sie sind. Eine Lehre der Wüste: Einfach alles so nehmen, wie es ist.

Es ist herrlich durch diese unberührte Unendlichkeit zu laufen. Unterwegs begegnen uns ganze Robbenkolonien. Im Training hätte ich solch einen Strandlauf wahrscheinlich nie geschafft. Hier will meine Kraft einfach nicht weniger werden. Unglaublich! Mein Kopf ist leer. Ich denke gar nichts. Einfach laufen….und laufen…und laufen. Mein Wunsch ist nicht der erste Platz, sondern einfach mein Bestes zu geben. Ich laufe so gut ich kann und sauge wie ein Schwamm die Natur und Atmosphäre auf.

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Die letzten 10 km führen ins Landesinnere. Laufbarer als der Strand wird der Untergrund nicht. Eine surreale Marslandschaft erstreckt sich bis zum Horizont vor uns. Langsam wird es doch hart. Wo ist denn das Ziel? Wir marschieren das erste Mal in diesem Rennen. Dabei wird mir bescheinigt, dass ich eine miserable Walkerin bin. Mein Tempo erinnert eher an einen gemütlichen Stadtbummel als einen zügigen Marsch. Böser Fehler, die ganzen Hinweise, dass das Wandern geübt werden soll, zu ignorieren. Als ich etwas Grünes am Horizont erblicke, denke ich: Yearh, Land in Sicht. Im Ziel beschweren sich einige Läufer über die letzten 10 Kilometer, die doch wirklich hart waren. Den nüchternen Kommentar von Rafael werde ich nie vergessen: „Wenn es leicht wäre, hieße es Party."

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Lagerfeuerromantik. Abends wird es zum Teil empfindlich kalt. Spätestens um 19.30 Uhr kriechen wir daher in unsere Schlafsäcke.

Die vierte Etappe ist der berühmt berüchtigte Long March über 80 km. Kurz vor dem Start erklärt mir Rafael die Renntaktik: Möglichst vermeiden zu wandern, sondern gleichbleibend langsam laufen. Erstens ist der Wechsel zwischen wandern und laufen anstrengend und zweitens bin ich einfach sehr langsam beim Wandern. Guter Plan! Wo ist die Tonne?
Es ist brutal warm. Frontal bläst der Wind mit 50 km/h ins Gesicht. Zwischen CP2 und CP3 gehen uns die Wasservorräte aus. Nicht gut! Meine Finger sind durch die Hitze doppelt so dick wie normal. Meine Füße passen auf einmal nicht mehr so wirklich in meine Schuhe. Das macht aber nichts. Sorgen machen mir eher die beginnenden Kopfschmerzen.

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Riita aus Finnland und ich kämpfen uns durch den heftigen Gegenwind, der sich wie ein zu heiß gelaufener Fön anfühlt. Fotocredit: www.4Deserts.com/ Onni Cao

Bekomme ich einen Hitzeschlag oder dehydriere ich, ist das Rennen für mich gelaufen. Egal wie gut ich gerade platziert bin. Zack! Aus! Daher ist die Sache mit der Platzierung bei dem gesamten Rennen auch so gut zu ignorieren. Unter den extremen Bedingungen ist es absolut entscheidend immer genau auf den eigenen Körper zu hören. Gut und gesund ins Ziel kommen ist die mit Abstand oberste Priorität.
Zwischen CP 3 und 4 müssen wir wandern. Laufen wäre bei dem Gegenwind viel zu heftig. Vor uns und hinter uns ist kein Läufer in Sicht. Die Landschaft ist einmalig. Felsen formieren sich in immer neuen Kombinationen und Farben. Und alles ist durch die besonderen Lichtverhältnisse außergewöhnlich intensiv.
Am CP 4 steht Ralf, der Lebensgefährte von Antje. Er hat sich als Volunteer gemeldet, um bei dem großen Abenteuer von Antje dabei sein zu können. Seine stets positive und gelassene Art ist echt ansteckend. Er schenkt mir heute eine Riesen Portion Wasser über den Kopf! Herrlich! Ich nehme mir fest vor zu Hause mindestens 20 Minuten lang kaltes Wasser über den Kopf laufen zu lassen. Angesichts meiner Flüssigkeitsaufnahme, die einem Kamel Konkurrenz macht, lassen auch die Kopfschmerzen nach.

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Man sieht mir die Strapazen deutlich an. Hier habe ich gerade die Hälfte der Etappe geschafft. www.4Deserts.com/ Onni Cao

Der Wind kommt inzwischen von der Seite und Wolken spenden immer wieder Schatten. Wir genießen nochmal für 20 Kilometer die „Emotionalität der Flugphase“ und rollen gemütlich vor uns hin. Meine Beine fühlen sich schwer wie Blei an. Ich richte meinen Fokus bewusst nach außen. Wie wäre es, wenn ich einfach durch die Wüste tanzen würde? Die Landschaft ist herrlich! Wenn laufen zu hart ist, stell dir einfach vor zu tanzen. Es funktioniert. Ein Motivationskick durchströmt meinen Körper und ein Oryx (große Antilope) läuft majestätisch ins Bild. Der Löwenbeobachter, der immer wieder die Strecke auf Wildtiere kontrolliert, berichtet uns, dass er soeben das Nashorn hinter dem Berg schlafen gelegt hat. Ja, dann kann uns ja nichts mehr passieren. Oder doch? Die Strapazen machen sich bemerkbar und der Magen mag weder Wasser noch Buffer. Ich übergebe mich mehrmals. Auch nicht schlimm. Bin ja noch gut hydriert und es wird langsam dunkel. Dennoch entschließen wir uns die letzten 20 Kilometer zu wandern. Der Untergrund wäre eh kaum laufbar gewesen. Unter einem herrlichen Sternenhimmel reden wir über Gott und die Welt. Plötzlich höre ich die Zieltrommeln? Ach, ist das herrlich! Geschafft.

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Während der gesamten Nacht ist an Schlaf nicht zu denken. Immer wieder kommen müde Krieger ins Ziel. Wir begrüßen jeden Einzelnen und mir kommen immer wieder die Tränen vor Rührung und Bewunderung. Was für ein starkes Gemeinschaftsgefühl sich hier unter eigentlich fremden Menschen entwickelt hat?! Was für eine unglaubliche Leistung und Willen hier einige offenbaren! Wie auf Eiern stolpern einige sichtlich von den Strapazen gezeichnet ins Ziel.

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Steffen ist mein persönlicher Held dieser Etappe. Was kann ein Mensch aushalten und durchstehen! Trotz erheblicher Probleme erreicht er nach über 20 Stunden das Ziel.

Das Highlight an unserem freien Tag ist ein Ranger, der eimerweise Wasser über unsere Köpfe schüttet. Es ist wieder brutal warm und nirgends wirklich gut auszuhalten. Was eine Wohltat ist da dieser Eimer Wasser.
Ich bekomme immer wieder Mails von Freunden und meiner Familie. Aufgeladen mit der Wüsten-Emotionalität treffen mich die Worte direkt ins Herz. Wie sie alle mitfiebern!!! Hier ist die Zivilisation sehr weit entfernt, aber mit den Mails bekomme ich eine Ahnung davon wie sich alle mit mir freuen.

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Am unserem freien Tag vegetieren wir vor uns hin.

Dennoch möchte ich noch nicht wieder zurück in die Zivilisation. Es steigt Wehmut in mir auf. Die letzte lange Etappe bestreite ich wieder mit Rafael. Bis auf einen wunderschönen 9 Kilometerlangen Abschnitt auf dem Dünenkamm ist die Strecke gut laufbar und sehr abwechslungsreich. Traumhaft! Morgen ist leider schon die letzte Etappe. Viel zu schade! Ich möchte nicht die Ziellinie überqueren.

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Im Ziel wird die Ausrüstung der Top10-Läufer kontrolliert. Nicht, dass jemand etwas von der Pflichtausrüstung zur Gewichtsoptimierung des Rucksackes weggeschmissen hat. Natürlich nicht! Das „Highlight“ des Tages sind die Duschen im Camp. Es ist tatsächlich eher ein Rinnsal, das sich an der Wand runter schlängelt. Mir ist es egal. Ich vermisse ja eh nichts. Keine kalte Cola, keine Dusche und auch sonst nichts. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich das karge Leben in der Wüste jedem zivilisatorischen Quatsch vorziehen. Ja, ich bin tatsächlich sehr traurig, dass die Woche zu Ende ist. Deshalb interviewe ich alle erfahrenen Wüstenläufer und checke in Gedanken meinen Terminkalender. Schaffe ich es dieses Jahr nochmal in die Wüste? Bestimmt!

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Manon scheint übermenschliche Kräfte zu haben. Da wo normalerweise Fußsohle ist, ist bei ihr nur noch rohes Fleisch. Und damit bestreite sie nochmal zwei Etappen. Der Wahnsinn!

Auf der letzten Etappe von kurzen 10 Kilometern möchte ich alleine sein. Die Emotionen drücken stark gegen meine Brust. Ich gebe nochmal alles. Meine Beine fühlen sich inzwischen aber doch mehr als müde an. Und dann steht es vor mir: Schluss! Aus! Ende! Das Ziel! Tränen und Dankbarkeit steigen in mir hoch. Alle umarmen alle und zigtausend Fotos werden für das Erinnerungsalbum geschossen.

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Die letzten Meter in der Wüste. Fotocredit: www.4Deserts.com/ Onni Cao

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Der Little Desert Runners Club im Ziel. Fotocredit: www.4Deserts.com/ Onni Cao

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Links Riita aus Finnland als Drittplazierte und rechts Caroline aus Italien als Zweitplatzierte.

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Resumée

Dieses Rennen war mehr als ein „normaler Lauf“. Man sagt, dass die Wüste einen verändert. An den ersten Tagen habe ich Rafael wohl ein bisschen mit meinen Fragen genervt. „Was verändert sich denn???“
Ich sehe mir immer noch erstaunlich ähnlich. Ich habe auch nach der Wüste morgens Lust auf eine Dusche und abends auf ein gemütliches, weiches Bett. Wenn ich definieren sollte, was mich die Wüste gelehrt hat, ist es Pragmatismus: „Einfach machen“ und nicht immer erst stundenlang darüber nachdenken. „Einfach machen“ bedeutet auch nicht in der Zukunft und der Vergangenheit zu hängen, sondern in dem, was gerade stattfindet. „Einfach machen“ bedeutet auch, dass ich nicht jeden Konflikt und jede Andersartigkeit von anderen Menschen verstehen muss. „Einfach machen“ bedeutet auch, dass ich einfach so sein darf wie ich bin. Ist schon alles recht so. Ich brauche keine Trainingsoptimierung zu betreiben, sondern nur meinen Kopf und mein Herz befreien. Wenn ich in meinem Element bin, kann ich Unvorstellbares vollbringen. „Einfach machen“ bedeutet, die Bedingungen, ob angenehm oder nicht, entweder zu ändern oder falls nicht möglich, so zu akzeptieren wie sie sind. „Einfach machen“ bedeutet auch, die Kontrolle aufgeben. Auch die Kontrolle im Kopf. Es geschieht schon alles so wie es soll. Lass dich mal überraschen.

Auf der anderen Seite konnte ich mich recht gut selbst führen. Immer wieder habe ich bewusst meine Aufmerksamkeit weg von den schmerzhaften, unangenehmen Dingen auf die schönen gelenkt. Damit war meine Welt etwas mehr „Rosamunde-Pilcher“ anstelle von „Aktenzeichen XY ungelöst“. Etwas leichter, etwas schöner und mit Happy End! Rafaels Gelassenheit und Sorglosigkeit hat sich direkt auf mich übertragen. Was da alles überhaupt nicht schlimm war? Wahnsinn! Und mit dieser Gelassenheit im Bauch lässt es sich tatsächlich sehr angenehm leben.

Ich bin davon überzeugt, dass mein gutes Durchkommen ohne viele Blasen, Magenprobleme und Krafteinbußen mit meiner mentalen Freiheit zusammenhängt. Mein Trainingszustand war eher miserabel und mein läuferisches Können nicht besser als das vieler Athleten vor Ort.
Ich habe mich die ganze Zeit am genau richtigen Ort gefühlt. Alle Werte, die mir beim Laufen (und im Leben) wichtig sind, haben sich in starker Intensität gleichzeitig offenbart. Freiheit, Weite, Gemeinschaft, Reduktion auf das Wesentliche und Laufen nach Körpergefühl. Wunderbar.
Rafael würde jetzt sagen:“ Kannste so nicht schreiben. Viel zu Rosamunde-Pilcher-mäßig. Auch wenn‘s stimmt.“ Ich lass das jetzt mal so stehen. Ihr habt ja den Drücker in der Hand und könnt jederzeit das Programm wechseln 😉

Ich danke Michele Ufer für das Umlegen der richtigen Knöpfe in meinem Kopf. So konnte ich schon sehr zuversichtlich und voller Vorfreude in die Wüste starten. Der Sack an mentalen Techniken hat meinen Rucksack deutlich leichter gemacht.
Ich danke den Mitgliedern des Little Desert Runners Club für das starke Gemeinschaftsgefühl. Ihr seid echt klasse! Ein bunter Haufen starker Charaktere 😊
Ich danke auch all den Volunteers, Mitläufern und Organisatoren. Ihr habt eine einmalig gute Atmosphäre gezaubert. Ich habe mich trotz der extremen Bedingungen immer sicher gefühlt. Und die never-ending Party an den Check-Points und im Ziel muss man erstmal durchziehen 😉

Ganz besonders danke ich Rafael! Danke, dass ich soviel von Dir lernen und mir abschauen durfte! Neben der perfekten Equipementberatung warst du immer da, um vorher und währenddessen Mut und Zuversicht zuzusprechen. Dein Pragmatismus und deine Gelassenheit hat mich tief beeindruckt. Ohne dich wäre ich ganz sicher nicht so smooth durch meinen ersten Wüstenlauf gekommen.

Text: Kirsten Althoff, Bilder: Kirsten Althoff, Veranstalter, 19.5.2017

Ergänzungen

Ein Video der Veranstaltung (22 min): https://youtu.be/MVdliyyC_BQ

Homepage zur Veranstaltung: https://www.4deserts.com/

Bildergalerie, Teil 2