Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Das lange Wochenende nach dem Vatertag (Christi Himmelfahrt) ist ja eigentlich auserkoren, um an einem wunderbaren Event, welches auch weiter weg sein kann, teilzunehmen. Das hätte ich auch gerne getan, doch es gibt immer auch welche, die an so einem Tag auch arbeiten müssen. Dazu gehörte dieses Jahr leider auch ich; noch dazu Nachtschicht. Das bedeutet, dass ich sowohl an dem Feiertag als auch am Samstag bis frühmorgens um 6 Uhr arbeite. Damit kann ich mir das abschminken und so suchte ich mir wenigstens einen Marathon in der Nähe. Immerhin ist an diesem Wochenende in Regensburg einer und da habe ich nur 1 Stunde Autofahrt.

So stehe ich um 7Uhr zur Nachmeldung im Zelt am Infinion-Parkplatz, wo sich das Start- und Zielgelände befinedt. Ich dachte mir noch, nach dem Doppelstart vom vergangenen Wochenende tut so ein „einfacher Marathon" vielleicht auch ganz gut und als ich wieder hinaustrete und nach oben sehe, wird es fast bestätigt: Dem weißblauen bayerischen Himmel fehlt heute komplett das weß – also strahlend Blau und der Wetterbericht kündigt bis zu 30Grad an. Da macht die frühe Startzeit (8:30Uhr) dann wieder Sinn.

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Die Trubel am Infinion-Parkplatz nimmt langsam zu

Ich hatte unerwarteterweise ganz nahe einen Parkplatz bekommen und konnte so nochmals in aller Ruhe zum Auto trödeln, um meinen Kleidersack zu vervollständigen und mich wettkampffertig zu machen. Angesichts der Umstände laufe ich natürlich in Shorts und kurzem Ultralauf-Shirt, den obligatorischen Trinkgurt habe ich sowieso fast immer dabei. Da mein letzter Regensburg-Marathon schon ein paar Jahre her ist, musste ich mich etwas orientieren. Doch alles ist ganz nah und so ist das auch mit der Beutelabgabe, direkt neben dem Start-/Zielbereich. Selbst die Duschen sind direkt nebenan im Westbad, das ist doch mal klasse.

Meinen Lauffreund Udo Pitsch, der heute auch startete, konnte ich in der Startaufstellung leider nicht ausmachen. Ich wusste jedoch nächste Woche sehe ich ihn auf jeden Fall wieder, wenn wir gemeinsam zum Sommeralm-Marathon nach Österreich fahren werden. Dort veranstaltet unser gemeinsamer Bekannter "Kraxi" diesen Marathon mit 1.700 HM, den schwersten Marathon der Steiermark.

Da und dort höre ich ein: Hallo Roland, du läufst tatsächlich mal wieder einen Marathon? Nun ja – sozusagen gezwungenermaßen, aber wer weiß, wozu das gut ist. An diese Worte werde ich mich später noch sehr gut erinnern. Ich möchte allen Leser hier klipp und klar erklären, auch wenn ich schon (und hauptsächlich) zuletzt sehr viele (lange) Ultraläufe absolviert habe, ich werde NIEMALS einen Marathon unterschätzen, auch nur im entferntesten glauben: Denn laufe ich auf der „linken Backe" runter – dazu ist diese Strecke einfach zu lange und ich weiß, was in diesen 3,5 – 4Std (oder mehr) alles passieren kann. Ich habe Respekt und Ehrfurcht vor den 42,2KM, mehr als manche sich vorstellen können. Das mein Körper solche Leistungen immer wieder abrufen kann, finde ich schlicht und ergreifend ein Geschenk der Natur.

8:30Uhr – Schuss und los geht es, erst mal Richtung Innenstadt auf diesem 2-Runden-Kurs. Mit mir starteten rund 650 weitere Marathonis, knapp 200 laufen einen Dreiviertel-MA, fast 3.000 Halbmarathonis, weitere 1.200 starten später zu einem Viertel-MA.

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Durch die Altstadt von Regensburg je 2x hin und zurück

Schon nach wenigen Minuten wurde klar, das wird früher oder später eine Hitzeschlacht! Der Veranstalter hatte entsprechend reagiert und die Abstände der VP’s von 5 auf 4KM reduziert, sicherlich eine gute Entscheidung. Es entzerrte sich recht bald und ich kam in einen passablen Laufrhythmus mit einer 5:15er Pace. Einige Stimmungsnester in der City mit diverser Musikanimation wurden passiert. Nun ging es Richtung Osten und ich bemerkte schon wie heftig die Sonne von oben brannte – das wird nicht besser dachte ich mir, genügend trinken und Wasser über den Kopf bzw Nacken ist mein Mittel dagegen. Ich blickte nach vorne, etwas Schatten – doch wie geht die Strecke weiter? – vorne laufen Sie in einen Kreisverkehr, ich vernahm eine innere Stimme: verlassen Sie den Kreisverkehr an der 3.Ausfahrt – so ist es. Und dann erstmal kein Schatten mehr, weit und breit….

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Ich kämpfe mich durchs heiße Regensburg

Nach einiger Zeit liefen wir nach rechts raus und der Führende samt Begleitfahrzeug kam uns auf der anderen Straßenseite entgegen. Wir steuerten auf die 10KM- Messmatte zu und kurz danach kam eine Wende. Nach wenigen hundert Metern ging es nach rechts, ebenfalls mit Gegenverkehr, es folgte kurz danach ein großes Oval, an dessen Ende die 12km mit dem 3.VP erreicht wurde. Auf dem Weg zurück zur City wurden meine Beine schon etwas schwerer, es fiel mir nicht leicht weiter unter 5:30min pro KM zu laufen, da die Hitze mir zu schaffen machte – wie sollte das noch weitergehen?

Es ging anschließend so langsam dem Ende der 1.Runde entgegen, die Halbmarathonis setzen zum Endspurt an und durften auf die Zielgerade abbiegen. Wir liefen auf die 2.Runde, die Hitze wurde immer unerbittlicher und die Pace wurde langsamer – nach einigen Kilometern überholte mich die Gruppe um den Zielläufer 3:45Std. Ich spürte, die kriege ich heute wohl nimmer. Nach der Altstadt kam dann wieder der Kreisverkehr und ich dachte mir, es wird wohl Zeit für ein Gel. Ich hatte wohl schon zulange damit gewartet und fühlte mich deswegen relativ „down" – noch schnell an dem VP Wasser übern Kopf und reichlich Getränkeaufnahme. Da steuerte ich wieder auf die Matte (10KM) zu, wollte gerade das Gel aus dem Trinkgürtel holen ….. da passiert es:

Fast das Schlimmste, was einem Läufer passieren kann, der nur mit einem Auge sieht, eine Fliege genau ins sehende Auge (links habe ich ein Glasauge). Ich fluchte und versuchte es irgendwie aus dem Auge zu bekommen, doch im Augenwinkel steckte es irgendwas fest ….. ich merkte, dass mein Gleichgewicht leidete – sehe vor mir die Matte, lief fast torkelnd drüber, es brannte  …. ich sah immer wieder mal kurz etwas und lief vorsichtig, stolpernd weiter – da kommt doch die Wende, wird es nicht bald besser? Ich ließ mich doch von einer Mücke nicht ausbremsen – weiter, weiter. Es ging in das große Oval hinein und ich schaffte es, mein halb ausgepacktes Gel zu nehmen. Als der VP endlich kam noch etwas Wasser aus der Schwammwanne ins Auge spülen und es wurde tatsächlich besser, ich konnte das Auge wieder komplett öffnen! Gerade rechtzeitig: Ich entdeckte Udo, der mir gerade entgegenlief und mich nach lauten Zurufen auch begrüßte.

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Mein Lauffreund Udo unterwegs

Kurz danach spüre ich eine positive Wirkung des Gels – nun hatte ich die Zuversicht, irgendwie werde ich es sicherlich ins Ziel schaffen und wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, werde ich weit unter 4Std bleiben.

Ich spürte, wie langsam ich geworden war, versuchte zusätzliche Kräfte zu mobilisieren, doch heute war da kaum was da – ich akzeptierte es und machte das Beste daraus. So eine Hitzeschlacht war sicherlich auch ein gutes Training für die großen Aufgaben immer Sommer, die mir bevorstehen – THINK POSITIV! Ohne es selbst zu bemerken, hatte mein Körper auf eine Art: „Ankomm-Modus" umgeschaltet, bei natürlich verminderten Tempo. Als es ein letztes Mal durch die Altstadt zurück ging, wunderte ich mich über einen KM den ich in 5:30 lief – was in so einem Schutzmodus noch alles möglich war! Die Geher nahmen immer mehr zu, ich konnte durchlaufen und war froh darüber und stolz auf meinen Körper, dass ich nicht durch die heiße Sonne marschieren musste, denn Schatten gab es fast nirgendwo mehr. An einem Hydranten gibt es noch eine Wasserfontäne, die ich gerne mitnehme und ich laufe den 40KM entgegen. Nun also die letzten beiden Hitze-KM. Die Anfeuerung wurde immer stärker und motivierte mich dann tatsächlich noch ein wenig schneller zu werden. Ich bog auf die Zielgerade ein, laute Begeisterung empfing mich, ich ließ mich bereitwillig anstecken …. feuerte die Zuschauer an, machte den Flieger auf den letzten Metern….. die Zuschauer schrieen immer lauter und der Moderator begrüßte mich schon von weiten – HERRLICH!!! Als ich über die Ziellinie lief (3:52Std) hörte ich, wie jemand hinter mir meinen Namen rief. Im Ziel sah ich es: es rannte eine junge Frau auf mich zu – den Ordnern davon. Es war meine Nichte Simone, die in Regensburg studiert und hatte dort Fotos vom Marathon geschossen und mich erkannt. Ich hatte in diesem Moment nicht daran gedacht und war total perplex, kriegte grade heraus: „Hallo Simone, Mensch ist das heiß hier" – dann war Sie schon von den Ordnern weggebracht.

RM 4

Im Ziel: Mein 145.Marathon

Ich genoss in aller Ruhe den Ziel-VP mit einigen Bechern alkolfreies Bier und holte meinen Kleiderbeutel. Ausnahmsweise bekam man auch am Tag des Marathons noch seinen Pasta-Party-Gutschein eingelöst. Das merkte man an der Riesenschlange, die dort anstand. Das Glück war mir hold: ich kannte einen Läufer, der vorne drin stand und mir meine Nudeln mitbrachte. Es hatte sich gelohnt, denn sie waren wirklich sehr lecker und brachten Kraft zurück. Nach einer schnellen Dusche gleich nebenan machte ich mich auf dem Nachhauseweg.

Im großen und ganzen hatte ich natürlich eine bessere Zeit gewollt, sicherlich war nicht die Hitze allein oder die Mücke im Auge Schuld, dass es nicht geklappt hatte – es lag wohl doch etwas an dem Doppelstart vom vergangenen Wochenende. Aber ich hatte mich durchgekämpft und das zählte letztendlich mehr, als eine etwas langsamere Zeit.

Ich habe nachher aus der Presse erfahren, dass während des Laufes bzw im Ziel ein 28jähriger Halbmarathoni mit Herz-/Kreislaufproblemen zusammengebrochen und verstorben ist. Es waren keine einfachen Bedingungen, doch ich fand, der Veranstalter hatte alles getan, um es erträglich zu gestalten. Letztendlich hat jeder Starter bei einem Lauf die Verantwortung für sich selbst. Es ist wichtig die Signale seines Körpers richtig zu deuten, mache haben sicherlich damit Probleme oder übertriebenen Ehrgeiz. Und auch wenn ich natürlich gut trainiert war, wie ich weiter oben schrieb, einen Marathon (oder auch Halben) – nehme ich immer ernst und bin damit immer gut gefahren.

Ergebnis:

Platz, Platz-AK, Name, Zeit

164, 6, Krauss, Roland, 03:52:39

 

Text: Roland Krauss, Fotos: Günter Staudinger, Roland Krauss, 2.6.2017