Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Heute möchte ich von einem ganz besonderen Marathon berichten. Besonders, weil es ein anspruchsvoller Lauf mit 1.770 positiven Höhenmeter hoch zur Sommeralm ist, wobei Sommeralm der Name des Berges ist, auf dem das Ziel ist. Weiterhin ist besonders, weil auf keinen meiner bisherigen Läufe das Motto "Vom Läufer für Läufer" besser zutrifft.
Mein guter Lauffreund Udo Pitsch aus der Nähe von Augsburg kennt den Hannes Kranixfeld, von allen liebevoll "Kraxi" genannt, schon sehr lange. Er ist alle bisherigen 6 Sommeralm-Marathons bei ihm gelaufen und hat mir diesen Lauf absolut empfohlen. Nun trafen wir uns bei Udo zuhause zum Frühstück. Weiterhin dabei Eckhard Herwig (er war auch schon 2x bei Kraxis Marathon) und seine neue Freundin Susi Lürsel, die er vor ein paar Wochen bei der Harzquerung kenengelernt hat. Im Auto und auf der Laufstrecke mit dabei waren auch Arthur, der Hund von Susi und Roxy, die Hündin von Udo. So machten wir uns von Augsburg auf Richtung Steiermark, genauer Winzendorf bei Pöllau. Die Fahrt war angesichts des intensiven Pfingstreiseverkehrs sehr zeitintensiv und folgte wohl auch nicht immer dem kürzesten Weg. Doch die vier Marathonis ließen sich die Stimmung nicht verderben.
Wir kamen gerade zur Startnummernausgabe am Vorabend, die vor dem Haus stattfandt , während nebenan aus der Garage mehrere Transporter und Kleinbusse (allesamt von diversen Sponsoren bereitgestellt) für das Event morgen beladen werden. Wir begrüßten unsere Gastgeber, erhielten unsere Startbeutel und bekamen unsere Zimmer zugeteilt. Eine Stunde später saßen wir schon bei der privaten "Pasta-Party" im Esszimmer bei Kraxi und seiner Frau Babsi, der "guten Seele" im Haus und des Sommeralm-Marathons. Es wurde viel erzählt und gelacht, der Abend verging wie im Flug und wir verzogen uns allmählich zum Schlafen.

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Am Start Eckhard, Susi und Roland mit Hund Arthur

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Mit am Start Udo Pitsch mit Hündin Roxy
Kurz vor 6 Uhr klingelte mein Wecker und ich machte mich und meinen Kleidersack fertig, dann wartete Babsi schon mit dem Frühstück auf uns. Welch komfortable Situation. Wir gingen aus dem Haus zum Start, der nur ein paar hundert Meter entfernt war, gaben unsere Kleiderbeutel ab und erwarteten mit 70 weiteren Marathonis und einigen Staffelläufern den Beginn. Um 7:30Uhr wurden wir auf einen fast familiären und sehr sonnigen, aber anspruchsvollen Lauf geschickt.

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Kraxi am Start gibt seinen Begleitradfahren letzte Anweisungen
Ein kurzer Überblick zu den Laufbedingungen. Wir laufen von einer Höhe von 371m auf eine Zielhöhe von 1.446m an der Stoakogl Hütte hinauf. Es sind 1.770 positive und 730 negative HM zu passieren. 25% Forst- und Wanderwege, der Rest auf kleineren Asphaltstraßen - so die Ansage. Schon beim Start wurden ca 15 Grad gemessen, es könnten locker 30 Grad werden, für den Nachmittag waren Niederschläge/Gewitter angekündigt. Entsprechend leicht bekleidet samt Trinkgurt war ich unterwegs.
Es begann mit einer kurzen Waldstrecke; noch schattig und wir machten sogleich einige HM auf und ab. Das kleine Feld entzerrte sich schnell und es war gut zu laufen. Anschließend tatsächlich eine längere Bergabstrecke. Ich dachte mir, genieße jeden "leichten KM" -davon werden nicht zu viele kommen. So ging es nach nicht mal drei Kilometer fast permanent bergauf - mit steigender Intensität. Ich kam fast an meine Grenze, was ich noch im Laufschritt zurücklegen konnte bzw. wollte. Für mich gilt in dieser Beziehung eine Art "Kosten-Nutzen-Rechnung", also was kostet es mich an Kraft/Überwindung noch zu laufen und was nützt es mir. Wenn ich einen steilen Berg hinauflaufe und dann oben so fertig bin, dass ich auf ebener bzw abfallender Strecke nicht "richtig loslaufen" kann, dann ist für mich der Nutzen sehr fraglich - das ist meine Definition.

Längst waren Ecki und Susi samt Hund locker an mir vorbeigezogen. Sie sind sicherlich besser Bergaufläufer, wie sich später herausstellte, bin ich wohl der bessere Bergabläufer.

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Waren anfangs die Laben (ür Unwissende: so heißen in Österreich die VP's), in ca 5 km-Abständen, so wurden bei anspruchsvollem Gelände, die Abstände alsbald kürzer. Angesichts der Temperaturen, die sich auf die 30 Grad hin bewegten, schaffte das gute Voraussetzungen - Kraxi wusste was Läufern gut tut! Es folgten 3km mit leichten Auf und Ab. In meinem eingeprägten Höhenprofil - das mich schon mal täuscht, weil nicht aufmersam genug gewesen - sollte nun einige Downhill-Kilometer folgen; meine Erwartung wurde nicht enttäuscht. Ich freute mich darauf, etwas rasanter unterwegs zu sein und meinen KM-Schnitt ein wenig zu drücken, um eventuell mein Wunschziel (sub 5Std) zu erreichen. Wobei dieses Ziel sozusagen "aus dem Ärmel geschüttelt" war, denn ich kannte das Profil nicht wirklich und verließ mich auf die Aussagen von anderen. Erstes Ziel ist natürlich diesen Berg-Marathon ins Ziel zu bringen, was nicht ganz einfach werden wird.

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Nun also: Feuer frei! Im Galopp ging es den ersten Anteil noch etwas trailig bergab, dann weiter auf Asphalt - hier könnte auch stehen: Rolands' Rally-Strecke! Das wollte ich ausleben und gab Gas. So durfte ich 2 schnelle Kilometer verbuchen: 4:20 bzw 4:35-er Pace. Als kurz nach der Halbmarathon-Marke zwei kleine aber heftige Anstiege folgten, musste ich Tribut zollen, ging zum ersten Mal kurz, kam aber bald wieder ins laufen. Die Sonne brannte jetzt auf freien Gelände ziemlich heftig herab und erinnerte mich zum Teil an meinen unvollendeten Spartathlon im September 2016. Doch es gab auch jede Menge Belohnungen: herrliche Bergpanoramen, weite klare Sicht! Von Eintrübungen, aufziehenden Wolken bei den vorangegangenen Sommeralm-Marathons war weit und breit nix zu sehen.

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Ein Stück die Landstraße entlang ging es zur nächsten Labe; ich dachte mir noch: schon wieder eine. Aber der Helfer dort machte unmißverständlich klar, was kommt: "Etz geht's glei auffi" sagte er - und wenn ein Einheimischer das so sagt, war mir klar, was das bedeutete. Es ging noch ein paar schonende 100m in die Ortschaft Birkfeld hinein, dann kam, was kommen musste: ein steiler Anstieg mit einer Rechtskurve. Ich versuchte zu laufen, kaum um die Kurve sah ich, was auf mich zukam und ich war bald im Gehschritt. Die folgenden 5 KM waren langsamer Trab abwechselnd mit Gehschritt angesagt. Ein kurzes Laufstück ist kaum der Rede wert - zwischendurch passierten wir den Ort Koglhof mit einer weiteren Labe. Ich wiederhole mich: Kraxi weiß was Läufer brauchen. Nach einer kurzen Verschaufpause  von ca 2KM ging es schon zum nächsten Dorf (Sallegg) empor, erneute Labe mit dem Helferkommentar: "Etz habt's nur no zehn Kilometa" - mein KM-Durchschnitt hatte dramatisch gelitten und ich bezweiflte stark den Rest in knapp 1,5Std zu bewältigen, was sub 5Std gefährdete. Ich setzte darauf, das in meiner Erinnerung das Höhenprofil noch 1-2 Kilometer Gefällestrecke versprach - es kam: ab KM33 durfte ich wieder etwas Feuer geben, wenn es wohl auch etwas übertrieben klingt, es nährte die Hoffnung, das Zeitziel sei machbar. Doch der weitere Verlauf lässt die Zweifel sprießen - es scheint nur noch steil aufwärts zu gehen. Tolle Aussichten entschädigen immer wieder für die Anstrengungen. Bei KM 37 (laut meiner beiden GPS-Uhren) hatte ich noch 57min auf die gewünschten 5Std. Das sollte doch mitt dem Teufel zugehen, dachte ich bei mir. "Da habe ich doch fast 10min für jeden KM", so meine "grobe Denke". Schon bei der Marke 38 der Dämpfer: 10:22 min waren vorbei - ich laufe an .... und weiter, ich laufe - nach 500m ging ich schon wieder und lief wieder an. In einer scharfen Rechtskurfe die vorletzte Labe, als ich den weiteren Weg betrachtete, schienen die nächsten Meter laufbar - gut so. Es kamen mir mehrere Radfahrer entgegen, sie hatten ein heftiges Tempo drauf, was mich erahnen lässt, dass sie einen Berg herunter rauschen, den ich hochlaufen muss - soviel erfasste mein Laufverstand zu diesem Zeitpunkt schon noch..... Wider Erwarten konnte ich noch etwas weiter laufen, dann ging ich wieder - es wechselte nun ständig.

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Aufmunterndes Schild bei Kraxis Marathon

Als ich mich kurz vor KM40 wähnte, entdeckte ich ein Hinweisschild mit Kilometer-Angabe, darauf prangt schwarz auf gelb die Zahl 39. Ich schüttlete den Kopf, waren nun meine beiden Uhren schon zu weit, oder ist die Tafel richtig? Mein Vertrauen in Kraxi war so groß, das ich an der Angabe meiner Garmin's zweifelte - was soll's, ich musste eh ins Ziel, egal wie weit es noch war. Nun versuchte ich eben meinen "leichten Frust" in Laufenergie umzuwandeln, z.T. gelang das sogar. Soweit wie möglich am Stück laufen, nun ja es werden wohl ein paar 100m sein. Nun versicherte ich mir selbst, nach diesem Anstieg wird ins Ziel gelaufen, meine Uhren zeigten 41,3km, als ich ein letztes Mal anlief. Keine große Steigung mehr, aber das Ziel war noch so weit weit ... geschätzte 2 km. Keine Zeit auf die Uhr zu sehen - ich rannte .... und wurde noch schneller. Es sollte möglich sein. Die Geräusche vom Zieleinlauf drangen an mein Ohr. Läufer wurden angekündigt, Musik war zu hören - ein voller Parkplatz an der Stoakogl Hütte war zu sehen ... nur noch wenige 100m. Der Moderator erkannte bereits meine Start-Nr. und kündigte mich an. Rechts rein in den Zieleinlauf, über die Matte gerannt - Uhrenstop: 4:55Std, ich hatte es tatsächlich geschafft. Überglücklich bedankte ich mich sofort bei Kraxi für diesen wundervollen und toll organisierten Lauf. Ich ging zur Zielverpflegung, wo Babsi stand und bedankte mich ebenso bei ihr - sie ist allgegenwärtig bei diesem Lauf, organisierte und hatte den Überblick - DANKE *WOW*!

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Nach 1770HM glücklich im Ziel: Roland, Susi und Ecki
Ecki und Susi mit Arthur hatten in 4:50:48 gefinisht. Ich holte meinen Kleiderbeutel und wir ließen uns mit einem Shuttle-Bus zum Brandlucken-Hotel fahren, wo wir im Fitnessbereich duschen, saunieren konnten und wir ein Menü serviert bekamen. Auf dem Weg dorthin kam uns Udo mit Roxy entgegen, Er hatte in 5:25:39 gefinisht.
Ich genoss die Sauna und Dusche! Als ich über die Terasse ins Restaurant ging, bemerkte ich, wie sich der Himmel verfinsterte und Wind aufkam. Wir saßen gemütlich beisammen und aßen, tranken Kaffee und warteten auf die Ankunft der Organisatoren, damit die Siegerehrung beginnen konnte. Nun begann auch schon das Gewitter und als Kraxi und Babsi eintrafen, waren sie schon heftig nass geworden.

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Bei der Siegerehrung bekam jeder Finisher seine Urkunde und Medaille von Kraxi übergeben
Kurz darauf konnte die Siegerehrung beginnen und jeder Finisher wurde aufgerufen, bekam seine Urkunde und die Medaille überreicht. Wie üblich wurde den Sponsoren gedankt, die sich hier ganz besonderes engagierten und zum Großteil persönlich vertreten waren. Im Anschluß gab es eine Start-Nr-Tombola, bei der verschiedene Marathonstartplätze und Sachpreise verlost wurden. Ich dachte noch: bitte keinen Marathon-Platz – bei meinem übervollen Terminkalender kann ich da eh nicht starten … und prompt wurde ich gezogen für einen steirischen „Freßkorb" mit jeder Menge Wurst, Fleisch und Schinken – lecker!

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Bei der Tombola gab es einen Spezialitäten-Freßkorb für Roland
Nach dem Ende fuhren wir zurück zum Hause Kranixfeld und zwei Stunden später saßenn wir in einer Buschenschänke in Winzendorf. Die "deutsche Delegation" hatte Kraxi und Babsi auf eine typische, österreichische Brotzeit eingeladen und bedankte sich für die herzliche Gastfreundschaft mit Brettljause, Wurst, Käse und Bauernbrot. Dazu gab es Wein, Apfelsaft und Wasser. Ein gelungener Abschluss für einen wahrhaft rundum Muster-Marathon!
Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschiedeten wir uns – wir sind uns alle einig: Babsi und Kraxi, wir kommen wieder!
Jedem, der gerne einen anspruchsvollen Bergmarathon, jedoch ohne große Trailambitionen laufen möchte, dem empfehle ich diesen bestens organisierten Lauf in einer atemberaubend schönen Bergwelt.

Ergebnis:
Pl Startnr. Name Jahrg. m/w Nation Verein Zeit
24. 40 Roland Krauss 1962 m LG Ultralauf / 100 Marathon Club 4:55:06,9

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Abschied vom Bergpanorama der Steiermark

Text: Roland Krauss Fotos: Eckhard Herwig und Roland Krauss, 8.6.2017