Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

logoDer 35. Spartathlon geht von Athen (Akropolis) nach Sparta und fand am 29./30.09.2017 statt. Der Spartathlon ist nicht irgendein Lauf, auch nicht irgendein Ultralauf. Andere Rennen mögen härter, länger oder noch schwieriger sein, aber für mich und viele andere ist er die Krone des Ultralaufens - vergleichbar mit dem Ironman in Hawaii. Ich komme ja aus der Rother Gegend, selbsternanntes "Home of Triathlon", hier wurde diese Sportart in Deutschland groß und bekannt. Hier erträumen sich manche eine Teilnahme beim Hawaii-Ironman. Sowohl für den Ironman als auch den Spartathlon muss man sich qualifizieren. Hier gibt es hohe Kriterien, die man erfüllen muss, um dabei sein zu können und doch ist es noch keine Garantie auf einen Startplatz. Wobei ich die Qualli über 100km unter 10Std für relativ wenig aussagekräftig erachte, schon eher 180km Mindestleistung bei 24Std-Lauf - aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Bereits im letzten Jahr hatte ich mich qualifiziert und durfte teilnehmen, doch einige Wochen zuvor erlitt ich einen Ermüdungsbruch im Kreuzbein, setzte 2-3 Wochen mit Training aus und nachdem ich an beiden Wochenenden zuvor jeweils fast schmerzfrei einen Marathon laufen konnte, versuchte ich es eben.... *Tja*, was ist schon so ein Marathon, gegenüber einem fast 6-fachen durch's heiße Griechenland. Ich musste also 2016 bei 102Km raus und hatte in diesem Jahr natürlich eine ganz besondere Rechnung offen! Ja doch, ich machte mir schon Druck!

Damit sind wir schon bei Kennzahlen: 36Std Zeitlimit für 246,8Km mit ca 3.000HM und dem Sangas-Pass als "kleinem Trailstück" durch die Nacht. Es gibt sehr strenge Cut-Off's, die sehr rigoros angewendet werden. Immerhin gibt es komfortablerweise insgesamt 76 Checkpoints an der Strecke, also ist der Abstand üblicherweise locker machbar.

SP 01Rechts: Zurechtlegen der Laufsachen und Sachen für Dropbacks

Zum Startplatz (es gibt 35 für deutsche Starter) kommt gleich die Übernachtung im deutschen Mannschaftshotel hinzu, für die Zeit von Mittwoch bis Dienstag mit Verpflegung zahlt man 520.- Euro pro Person. Falls man Supporter dabei hat, die einen auf der Strecke begleiten und auch im Hotel wohnen, kommt pro Person, der gleiche Betrag hinzu. Ich finde ein fairer Preis, um den Flug muss man sich selbst kümmern.

Im Flieger von München nach Athen traf ich schon den ersten deutschen Teilnehmer, wie im vergangenen Jahr war Ralf Giese (aus der Gegend um Ingolstadt) mit im gleichen Flieger. Als erfahrener Teilnehmer, kannte er die Wege am Flughafen zum Bus, der uns zum Hotel brachte ganz gut.

So waren wir am frühen Nachmittag an unserem Hotel, wurden ins gleiche Zimmer einquartiert und marschierten anschließend gleich zum Hotel Fenix, wenige hundert Meter entfernt, um unsere Unterlagen abzuholen. Dort konnten am nächsten Morgen die Dropbags abgegeben werden (theoretisch an ca 70 Checkpoints) und das Briefing in englischer Sprache findet dort auch morgen Nachmittag statt. Schon kurz darauf geht es zum Abendessen und es sind fast alle deutschen Läufer eingetroffen. Leider fehlen einige verletzungsbedingt, so auch Holger Hedelt vom LG Ultralauf-Team, mit dem ich vor einigen Monaten noch beim Deutschlandlauf viele Tage gemeinsam unterwegs gewesen bin.

So besteht das Team von LG Ultralauf aus:

Stefan Daum (auch Teilnehmer beim Deutschlandlauf) - seine 3.Teilnahme

Peter Hübner - seine 1.Teilnahme

Florian Bachmaier - seine 1.Teilnahme (steht unserem Team sehr nahe und ist Trainingspartner von Peter Hübner)

und ich bin noch dabei: Roland Krauss - zweite Teilnahme, jedoch 2016 DNF

Viele weitere Bekannte sind mit dabei, auch Andreas Schulze, ein weiterer Deutschlandlauf-Teilnehmer, den ich dort kennengelernt habe. Viele voller gespannter Erwartung, mache sind doch schon "alte Sparathlon-Hasen" mit z.T. viel mehr als 5 Teilnahmen.

Am folgenden Tag, nach dem Frühstück geben die meisten Ihre Dropbags ab, einige machen bei einer Studie mit, die einen Medizin-Vorabcheck beinhaltet, so vergeht der Tag bis zum Briefing (in englischer Sprache) schnell. Bei dieser Veranstaltung gibt es kaum Neues, es werden so mache Regeln für die Supporter erklärt, denn überall auf der Strecke und an allen Checkpoints darf nicht betreut werden, sondern nur an ausgewählten; natürlich dürfen sich die Läufer nicht in die Begleitfahrzeuge setzen, unabhängig davon, ob nun gefahren wird oder nicht. Peter und Florian hören aufmerksam zu, denn sie werden betreut von Uschi (die Frau von Peter) und Heike (Freundin vom Florian). Gemeinsam werden sie im Mietwagen immer wieder an der Strecke auftauchen, um die beiden Debütanten – sie wollen die Strecke gemeinsam laufen - zu versorgen. Zum Schluss wird noch kurz auf das Wetter eingegangen. Glücklicherweise bleibt die große Hitze aus, viele Wolken und nur für den Bereich Korinth ist mäßiger Regen angesagt - das Wetter scheint uns wohlgesonnen.

Am Abend nochmals Essen und letzte Vorbereitungen für das große Rennen; der Bus wird uns zeitig am Hotel abholen und zum Start zur Akropolis hochfahren. Der Startschuss fällt um 7Uhr.

Beim schnellen Frühstück ist es sehr laut und die Hektik nimmt zu - kein Wunder bei dem, was uns bevor steht.

SP 02

Am Startplatz auf der Akropolis herrscht eifriges Treiben, viele Betreuer sind dabei, es wird fotografiert, was das Handy/Foto hergibt und sich gegenseitig viel Glück gewünscht. Trotzdem gelingt es unserem Betreuer von der DUV, Ralf Simon einen Teil des Teams zu versammeln und ein Foto zu schießen. Er wird uns immer wieder auf der Strecke mit seinem Fotoapparat begleiten, anfeuern, ein wenig betreuen, sowie mach guten Tipp für den Rennverlauf bereithalten.

Pünktlich geht es los und erst mal locker bergab, runter von der Akropolis. Anschließend hat die Athener Polizei alle Hände voll zu tun, um zum Teil wildgewordenen Autofahrer zu bändigen, die es nicht erwarten können, bis das noch eng geschlossene Läuferfeld die Straßen passiert hat . Es gibt aber auch viele Passanten, die wissen, wer hier langläuft und uns ehrfürchtig und begeistert anfeuern. Im Stadtgebiet gibt es nur kleinere Wasserstationen als CP und als wir langsam den Stadtrand erreichen, wird schnell klar: Athen liegt in einem Talkessel, früher für schlimmen Smog bekannt - nun bedeutet es, wir müssen raus aus Athen und ständig leicht bergauf laufen. Wir werden nur noch gelegentlich von der Polizei begleitet und müssen immer mehr selbst mit den Straßenverkehrsbedingungen zurechtkommen. Immer wieder laufen wir auf mehrspurigen Ausfallstraßen auf dem Standstreifen entlang. Da ist es eine schöne Abwechslung durch einen Vorort mit Wohnhäusern zu laufen. Als kleines Highlight (ich kannte es ja schon vom Vorjahr) laufen wir an einer Schule vorbei, die Schüler haben wohl extra frei und stehen dichtgedrängt an der Laufstrecke. Da wird angefeuert, viel Begeisterung und Hände, die einem zum Abklatschen entgegengestreckt werden – KLASSE!

Sp 03

Peter und Florian unterwegs

Doch nach ca 30km haben wir ein Industriegebiet erreicht. Hier dominiert Petrochemie und damit liegt Benzingeruch in der Luft und zwar so heftig, dass man kaum tief einzuatmen wagt. Hierbei muss gesagt werden, die Spartathlon-Laufstrecke führt definitiv nicht nur an tollen Straßen durchs Land. Von dieser Vorstellung muss man sich befreien. Selbst die Küstenstrecken und Wege durchs Hinterland sind zum Teil sehr vermüllt und öde. An solchen Wegen in Meeresnähe geht es Richtung Korinth, immer wieder auf und ab, links das Meer, rechts etwas höher liegt die Autobahn und manchmal ist auch die Bahnstrecke erkennbar. Hier freue ich mich über den wolkenverhangenen Himmel, vergangenes Jahr hatte die sengende Sonne hier freie Bahn.

Ich habe keine Probleme mit dem Cut-Off, laufe je nach Profil zwischen 6-7min/km und möglichst kräftesparend. Das erste große Zwischenziel nach 81Km ist Korinth, dafür ist eine maximale Laufzeit von 9:30 Std festgelegt. Doch ca 8km vorher gab es eine derart absurde Konstellation, ich kann nur den Kopf schütteln. Wir laufen etwa einen langen Km an einer riesigen und lauten Raffinerie vorbei, Geruch noch schlimmer als vorhin …. und direkt an der Haupteinfahrt zum Firmengelände dachte man wohl sei genau der richtige Platz für den nächsten Checkpoint. Für mich ein Grund, genau diese Verpflegung zu meiden, dann doch lieber mal mich am Trinkgurt bedienen. Hier habe ich auch noch jede Menge Gels und andere Notwendigkeiten verstaut. Nachgefüllt wird an meinen 7 Dropbags, wo ich auch gelegentlich Wechselschuhe und Klamotten, Isogetränk bzw Dosenbier deponiert habe.

Wir überqueren den Kanal von Korinth, eine wirklich beeindruckende Wasserstraße und kurz danach ist der große CP erreicht. Hier ist natürlich eine Zeitmatte ausgelegt, aber auch umfangreiche Verpflegung wird angeboten. Ich bediene mich an Reis und Nudeln, fülle auch Getränke nach und genau hier schließt Stefan Daum auf mich auf und läuft dann weiter nach vorne. Es sieht gut aus wie er unterwegs ist, nach 80Km scheint er keinerlei Probleme zu haben – ich wünsche ihm alles Gute bis ins Ziel. Als ich nach 12min weiterlaufe, checke ich die Cut-Off, eine gute Stunde habe ich Vorsprung, doch ich hätte gerne etwas mehr, ohne jetzt zu überpacen.

Sp 04

Als ich auf die 100km-Marke zulaufe, wird es „spannend" für mich – hier bin letztes Jahr ausgestiegen, die Schmerzen im Kreuzbein (Hüfte und Rücken) wurden immer heftiger. Ich hatte meinen Dropbag (mit Nachtausrüstung) dort an einem größeren CP deponiert und nahm das dann zum Anlass, genau dort aufzuhören. Ich wäre auch nimmer viel weiter gekommen. Doch diesmal wollte ich genau diesen CP „überlaufen", also nur ganz kurzer Stopp und weiter, die Nachtausrüstung war dann eben eine Station später deponiert. So hatte ich mich ein wenig überlistet und hatte beim Umziehen (Jacke und Armlinge, Kopflampe, usw) das gute Gefühl, ich bin nun schon weiter gelaufen, wie im vergangenen Jahr – gut so!

Nach mehreren Km über Landstraßen in der Dämmerung ging es eine langgezogene Steigung hoch – es wird Zeit das Licht einzuschalten. Ich laufe auf die nächste größere Stadt Nemea zu, die nach 123Km erreicht ist, aber erst nach dem Ende der Steigung kommt, so kann ich es also rollen lassen. So langsam beschleicht mich dieses Einsamkeitsgefühl auf der Landstraße dorthin und ich bin froh, als ich den großen CP erreiche, hier herrscht doch Betriebsamkeit und etwas Essen und abwechslungsreiches Trinken (der erste Kaffee tut gut) sorgt auch für Abwechslung. Auch hier treffe ich wieder auf Ralf Simon, der mich von der Fehleinschätzung bewahrt, der Sangas-Pass stünde bald bevor und sich auch sonst rührend um mich kümmert – danke Ralf!

Als ich wieder loslaufe bemerke ich, der Abstand zum Cut-Off hat sich doch erheblich vergrößert, beträgt mittlerweile etwas über 1,5Std, das beruhigt etwas. Woher der Hintergedanke, der Sangas-Pass wäre spätestens bei Km150 erreicht, kam – das ist mir bis heute ein Rätsel. Sowas nennt man wohl „Wettkampf-Blindheit", oder so ähnlich.

Nun geht es also erstmal weiter über nächtliche Landstraßen, ein Stück ungemütlicher Schotterweg ist auch dabei, noch ohne nennenswerte Steigungen. Die Vorahnung auf den Pass mit seinen Schwierigkeiten hält mich wach und gibt mir Spannung. Der nächste größere Ort heißt Lyrkia. Hier möchte ich mich nochmals etwas stärken (auch mit Kaffee) bevor es dann so langsam Richtung Berg geht. Schon als ich dort einlaufe, spüre ich die ersten Regentropfen, nur ganz leicht und ich denke mir nichts weiter dabei. Mein Abstand zum Cut-Off ist um weitere 10min gewachsen, mit gutem Gefühl geht es Richtung Mountain Base.

Auf den Weg dorthin wird der Anstieg schleichend etwas größer, dann geht es in diese Kehren über und wird immer steiler – noch schlimmer ist, der Regen wird immer intensiver und ein ungutes Gefühl steigt in mir auf, wenn ich daran denke, bald kommt dieses unwegsame Gelände.

Als ich bei 160Km die Base erreiche, regnet es heftig, am CP der eigentlich nur aus einer kleinen Holzhütte und einem völlig durchnässten Pavillon besteht, habe ich einen Dropbag deponiert. Ich überlege kurz, ob ich mir eine andere Jacke überziehen soll, entscheide mich aber dagegen, da ich mich noch halbwegs geschützt fühle. Ich hole mir nur die Gels, eine Ersatz-Taschenlampe und eine Dose Bier heraus. Leider ist die Tasche kaum vor dem Regen geschützt und auch schon sehr nass. Also ein paar Schluck Bier, kurz auf dem glitschigen Stuhl gesetzt und die Steinchen aus den Schuhen geholt …. und weiter geht’s – ich habe schon genügend Zeit hier verloren. Hier gäbe es auch ohne nebliger, tiefschwarzer Nacht nicht viel zu sehen. Im Hintergrund ist die Autobahnauffahrt hell erleuchtet, mehr ist hier nicht. Für uns geht es nach ein paar hundert Metern in den Trail-Modus. Mit Flatterbändern und gelegentlichen Reflektoren und Blinklichtern, sowie diversen Farbpfeilen werden wir gelotst. Sehr langsam bin ich in den Steilstücken unterwegs, die mir alle Aufmerksamkeit abverlangen; es wird mühsam, die Beine sind schwer. Ich bleibe auch mal an einzelnen Steinen hängen, die talwärts purzeln. Ich gucke hinterher und die Aussicht erschaudert mich. Ein Fehltritt hier kann lebensgefährlich sein. Gelegentlich steht mal ein Helfer, der sicherlich auch nur noch registrieren könnte, falls jemand abstürzt; wirklich helfen könnte er sicherlich nicht. Ich versuche meine Kräfte zu bündeln, um diesen glitschigen, steinigen und steilen Trail hinter mich zu lassen, ohne mich zu übernehmen. Die Sicht wird immer eingeschränkter. Durch dichte Nebelschwaden, diesiges Regenwetter und stockdunkle Nacht (nicht der kleinste Mondschimmer ist durch die dicke Bewölkung zu sehen) strahlt auch die beste Stirnlampe nicht hell genug. Der kalte Wind macht mir auch zu schaffen, doch klettern hält ja warm. Nach schier unendlichem Aufstieg ist irgendwann die Spitze erreicht, dort steht auch ein einsamer Pavillon als CP, der Wind pfeift hier sehr ungemütlich und ich sehe zu, dass ich ohne Stopp weiterkomme. Doch auch abwärts ist es nicht viel einfacher, die Sicht ist unbefriedigend und anfangs ist es weiterhin sehr unwegsam. Doch es ist weniger kräftezehrend und dann ist der Weg tatsächlich etwas ausgebaut – ich wage es und nehme Tempo auf, nicht ganz ungefährlich, doch ich wähne meine Schutzengel bei mir. So kommt es, dass ich immer mutiger bergab laufe. Gefahrloses Überholen ist immer wieder möglich, auch wenn ich das Gefühl nicht los werde, die Überholten zeigen mir den Vogel. Ich gefährde keine Mitläufer und auf dem KM bergab lasse ich sicherlich 15-20 Läufer hinter mir – es rollt einfach. Am Fuße des Berges liegt Nestani bei 171Km, hier verpflege ich mich wieder etwas länger und anschließend geht es weiter Richtung Tegea.

Nachdem nun die Anspannung „Sangas-Pass" überwunden ist, fällt doch die Anspannung und Aufmerksamkeit ab und Müdigkeit macht sich breit. Ich spüre wie ich langsamer werde, versuche verzweifelt dagegen anzukämpfen. An Steigungen gehe ich und das bekommt mir nicht, wie ich schon bei 24Std-Läufen und dergleichen erleben musste. Im Gehen schlafe ich ein, bin kurz weg – wenn ich im Straßengraben plötzlich einen Stein spüre, oder der Ast eines Straßenbaums mich streift, zucke ich zusammen und ich versuche eben wach zu bleiben, zumindest langsam zu laufen. Meist beginnt an der nächsten Steigung das „grausame Spiel" von vorn. Immer wieder rufen mal Läufer von hinten: „Are you okay?" wenn ich Ausfallschritte mache oder die Straße fast quere. So geht das wohl eine zeitlang. Wie lange kann ich kaum bestimmen, da ich in diesem Moment das Zeitgefühl verloren habe. Zu diesem Zeitpunkt rechne ich damit, dass Peter und Florian auf mich aufschließen, aber es passiert nicht.

Irgendwann retten mich zwei unschöne Umstände vor schlimmeren Zuständen, die Strecke wird etwas anspruchsvoller und meine Stirnlampe machte erste Ausfallerscheinungen. Ich habe ja mit einer kleinen (leuchtstarken) Taschenlampe Ersatz dabei, aber der Ärger über den vorzeitigen Akkuausfall der Kopflampe macht mich wach – dankbar freue ich mich letztendlich darüber und versuche etwas zu beschleunigen, was mich automatisch wacher werden lässt. Zudem wird sicherlich demnächst die Morgendämmerung einsetzen und das sollte der größten Müdigkeit ein Ende bereiten.

Beim nächsten großen CP in Tegea (195km) greife ich gierig nach Kaffee – und ja, der tut richtig gut! Es gelingt mir kleinere Kraftreserven zu mobilisieren, doch die Aussicht auf weitere mind. 50km macht die Zuversicht nicht gerade riesig. Doch es keimt die Hoffnung langsam auf, heute könnte ich es schaffen – es ist zu schaffen – wenn nicht jetzt und hier, wann dann!

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So trabe ich dahin und versuche nicht zu viel an Tempo zu verlieren, sofern man noch von Tempo reden kann. Wir kommen nach vielen Km an die berüchtigte Schnellstraße, auf dem Standstreifen laufen wir einer schier unglaublich langen Steigung entgegen. Nicht, dass es extrem steil wäre, doch der Ausblick ist zermürbend. Ich versuche positive Aspekte in den Vordergrund zu stellen, die Nacht ist vorbei und das Ziel kommt näher, zudem kann ich immer noch Energie aufnehmen, mit meiner neuen Sorte Gels habe ich Glück. Bereits z.T. beim Deutschlandlauf habe ich sie erprobt. Früher war es undenkbar nach 15-20Std Laufen noch Gels (genussvoll) in größeren Mengen zu mir zu nehmen. Mit den Neuen ist das kein Problem, ich muss sie nicht zwanghaft runterwürgen. Selbst kurz vor Sparta nehme ich noch eins zu mir, und es wirkt immer noch schnell und gut.

Mir fällt ein Japaner auf, der öfter mal ins Torkeln/ Trudeln kommt – auf der Straße läuft er fast in den Autoverkehr, er scheint am Ende seiner Kräfte zu sein. Ein Landsmann kümmert sich um Ihn. Später entdecke ich ihn an einem CP, er wird verarztet, es scheint so, als sei er auf den Hinterkopf gefallen, die Platzwunde blutet heftig. Auch andere Läufer(innen) kommen in Grenzbereiche, die Kräfte sind am Ende – kein Wunder wir sind fast 30Std auf den Beinen. Doch ich ziehe daraus für mich optimistische Zeichen, denn ich bin zwar müde und die Kräfte gehen auch zur Neige, doch ich bin sehr zuversichtlich die „verbleibenden Körner“ werden mich nach Sparta bringen.

Als an einem größeren CP, ein Rastplatz an der Schnellstraße, Uschi und Heike auftauchen, sie erwarten Ihre Partner in ca 50min (ich dachte, sie sind kurz hinter mir), werde ich mit den Worten begrüßt: diesmal schaffst du das Roland – soweit ist es nimmer. Bei aller meiner Vorsicht und Skepsis, lasse ich mich trotzdem zu dem Satz hinreißen: „Ich würde es mir selbst nicht verzeihen können, wenn ich das Ding jetzt noch herschenke“ – für meine Verhältnisse sind das sehr gewagte Worte – doch es zeigt die Zuversicht, die sich zu diesem Zeitpunkt in mir breit macht. Doch nachdem ich meinen Dropbag geplündert habe, verabschiede und bedanke ich mich – nun will ich den Worten Taten folgen lassen. Ich habe schon einiges von meinem Vorsprung zum Cut-Off verloren, es ist aber immer noch mehr als eine Std Vorsprung. Also weiter so……

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Stefan auf der Strecke

Irgendwann ist die Steigung der Schnellstraße zu Ende, ich hatte fast nicht mehr daran glauben können. Nun geht es doch großzügig bergab und später wechseln Steigung und Gefälle öfter mal. Ich bin mir zwar nicht mehr hundertprozentig sicher, meine Erinnerung hat mir schon einen Streich gespielt – im Hinterkopf ist noch: Die letzten 20km geht es definitiv bergab, so ist das dann auch….

Jetzt heißt es einfach noch durchhalten, soviel wie möglich laufen, wenig gehen, so lautet meine Devise für die letzten 20Km. Als wir die Schnellstraße verlassen und wir auf Sparta zulaufen, sehe ich plötzlich wieder viel mehr Läufer in meiner Umgebung, auch ihnen sieht man an, sie wollen einfach nur noch in Sparta ankommen .... irgendwie. Immerhin sehe ich es als Abwechslung, dass hier wieder viele Läufer zu beobachten sind - es weckt sogar ein klein wenig Rest-Ehrgeiz in mir. So überlaufe ich einige von ihnen, die Rest-Km an den CP scheinen einfach nicht weniger zu werden, Sparta ist noch nicht in Sicht. Gefühlte Stunden später taucht endlich der CP72 auf. Er liegt an einer Shell-Tankstelle genau 10Km vor dem Ziel. Ich freue mich über meine Voraussicht, hier noch einen letzten kleinen Dropbag platziert zu haben. Das "Supporter-Team" von Peter und Florian unterstützt mich tatkräftig, packt meine Gels aus, reicht mir das alkoholfreie Bier und eine Salztablette werfe ich noch ein. Tatsächlich laufe ich nach kurzer Zeit wieder los und freue mich über das vorletzte Gel, unglaublich, dass ich das jetzt noch so gut vertrage - wieder ein kleines Stückchen Optimismus für die letzten Km. Und diese haben es wirklich in sich - ich kann kaum glauben, dass es so ewig dauern kann, ich bekomme das Gefühl wir umrunden Sparta ein paar Mal, bevor wir endlich hineinlaufen dürfen. Da ich ohne Handy bzw Foto laufe, beschließe ich, wenn wir ca 500m vor dem Ziel am Hotel vorbeilaufen, werde ich schnell an die Rezeption gehen, um aus meiner dort deponierten Reisetasche mein Handy zu holen. Es wird sich schon jemand finden, der ein paar Fotos machen kann. Fast wie eine Fata Morgana taucht der Stadtrand von Sparta vor mir auf, die ersten Passanten applaudieren, jubeln mir zu, immer öfter hupen die Autos - dann der letzte CP vor dem Ziel, theoretisch reicht es hier in der Zielzeit von 36Std anzukommen, es wird niemand mehr auf den letzten 2,5Km aus dem Rennen genommen, früher war das wohl anders und es sollen sich regelrechte Dramen auf den letzten Straßen in Sparta abgespielt haben. Für mich ist es hier und heute total entspannt. Ich genieße die Anerkennung/Bewunderung durch die Leute auf der Straße. Auch von den Terrassen, Balkonen und aus den Fenstern jubeln und klatschen die Leute, die Begeisterung springt natürlich über und ich mag kaum mehr laufen, lieber gehen, um dieses Hochgefühl länger zu erleben. Wir biegen in die Innenstadt ein, dort vorne unser Hotel (ich weiß das noch vom vergangenen Jahr), ich laufe schnell rein, fummle an meiner Tasche bis ich das Handy parat habe - der Mann an der Rezeption nickt mir wohlwollend zu und klopft mir zum Abschied auf die Schultern, schon bin ich auf der Allee, die direkt zur Statue führt .... nur noch wenige hundert Meter. Das Zuschauerspalier wird immer dichter und lauter, ich entdecke Uschi und Heike, gebe das Handy zum Fotografieren weiter und jetzt bricht es aus mir heraus - ich feuere die Zuschauer an ..... und bekomme das hundertfach zurück, das ist einfach ein geiles Gefühl.

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Ich erreiche die Treppenstufen zur Statue, ein paar Schritte und mein Traum ist in Erfüllung gegangen - voller Demut und Dankbarkeit, den Tränen nahe, küsse ich die Füße von Pheidippides (34:55 Std). Ich bin total überwältigt , das Laufjahr mit seinen vielen Entbehrungen, Trainings-Km, unglaublich viele Wettkämpfe, ein nicht ganz kompletter Deutschlandlauf, zwei Deutsche Mannschaftsmeisterschaften (mit dem 50+Team) - und natürlich das DNF aus dem vergangenen Jahr: all DAS wirkt in Sekunden auf mich ein. Mein Körper ist ein Regenerationswunder und ohne Kreuzbeinbruch kann ich am "Fast-Ende" des Laufjahres noch einen Spartathlon finishen. Als ich meine Trophäen und Gratulation erhalte wird mir fast schwindlig. Der nächste Finisher kommt die Treppen hoch, ich gehe zur Seite und muss meine Freude, meine Erleichterung aus mir herausjubeln!!

Sp 10

Ich werde an den Rand geführt, wo man sich auf Stühlen niederlassen kann, hier werden die Laufschuhe und Socken ausgezogen, die Füße gewaschen, dabei sehe ich erst, was mich zwar gequält hat, doch vor lauter Endorphine habe ich es kann gespürt - eine riesige Blase an der rechten großen Zehe. Sie wird medizinisch versorgt, aufgestochen und leergesaugt. Sogar ein Bier bekomme ich zu trinken und ich spüre wie mein Kreislauf herunterfährt. Die Schuhe und Socken fein säuberlich verpackt mit Stofflatschen an den Füßen gehe ich nochmals rüber zum Zieleinlauf - genau pünktlich, jetzt kommen Peter und Florian ins Ziel (35:10 Std). Wir feiern und beglückwünschen uns gegenseitig. Als Ihre Ehrung vorbei ist, machen wir noch einige Fotos zusammen, überglücklich und freudestrunken.

Sp 08

Sp 11

Stefan Daum hat seinen dritten Spartathlon-Finish geschafft (33:34 Std) nach 2013 und 2016 ist er wieder überglücklich ins Ziel gekommen - welch bravouröse Leistung - ich freue mich wirklich sehr mit Ihm. Auf dem Deutschlandlauf haben wir uns über 19 Tagendoch etwas näher kennengelernt. Bereits 1-2 Tage später verrät er mir, er will es auch im nächsten Jahr wieder wissen. Er ist erst 43Jahre alt, da kann er noch viele Spartathlons finishen - viel Glück dabei!

Sp 07

Als erste deutsche Läufer(in) ist Antje Krause ins Ziel gekommen (28:13) Std. Ich habe sie schon bei vielen Wettkämpfen erlebt, doch es ist auch für sie ungewöhnlich, dass sie vor allen deutschen Männern ins Ziel kommt. Sie beendet damit eine phantastische Saison!

Eine halbe Stunde später kam Dietmar Göbel ins Ziel, als dritter Deutscher folgte Harald Menzel auch mit einer Zeit von unter 30 Std.

Bei Einbruch der Dunkelheit, das Rennen ist längst offiziell beendet, gehe ich langsam zum Hotel. Ich frage noch wie lange man Abendessen kann. Kein Problem, ich bekomme einen Bon und kann erst mal in Ruhe einchecken und Duschen gehen. Das tue ich voller Genuss, welch Wohltat nun eine heiße Dusche - die Müdigkeit, aber auch der Hunger melden sich in mir. Bald sitze ich beim Essen und es wundert mich, dass sich mein Körper erstmal mit einer "normalen Portion" zufrieden gibt. Ich unterhalte mich im Restaurant mit einigen Läufern und Betreuern und trinke noch zwei Bierchen, dann übermannt mich fast der Schlaf. Voll Erschöpfung schlafe ich 5-6Std durch, doch als ich um 5:20Uhr mal zur Toilette muss, kann ich anschließend nicht mehr einschlafen, mich holen die Ereignisse der Vortage ein. Ich habe das Gefühl ich schwebe 10cm über dem Bett. Mir ist es egal, dass ich nimmer schlafen kann, ich genieße es, dehne mich aus, strecke meine Gliedmaßen und irgendwann gehe ich dann mit einem Bärenhunger zum Frühstücksbuffet.

An diesem Tag steht noch die Abholung der Rest-Dropbags in einer nahen Turnhalle, Mittagessen mit Bürgermeister von Sparta (dabei bekommt jeder eine Tüte voll griechischer Präsente überreicht) und die Rückreise nach Athen mit dem Bus, auf dem Programm. Bei der Busfahrt wird vielen der Umfang der Laufstrecke erst bewusst, sie führt immer wieder nahe der Autobahn vorbei, die wir befahren, auch der Sangas-Pass ist zu sehen. Zum Abendessen sind wir wieder in unserem Athener Hotel. Zum Essen habe ich fast nur Salat auf dem Teller, dann verschwinde ich schnell auf's Zimmer und hole Schlaf nach.

Sp 12

Am Montag fahr ich gegen Mittag in die Athener Altstadt, ein wenig bummeln, nach einigen Stunden, muss ich zurück, um mich umzuziehen es geht zur großen Ehrungs-Zeremonie des Sparathlons. Das zieht sich in die Länge bis alle Finisher einzeln aufgerufen werden und ihnen ihre Urkunde überreicht wird. Das Gefühl auch wirklich dazu zu gehören genieße ich besonderes - das hat natürlich im vergangenen Jahr gefehlt. Danach wird das riesige Buffet eröffnet und zum Abschluss gibt es noch 1-2Std Disco. Dann geht es schon zurück zum Hotel. Ich verabschiede mich von den Läufern, denn ich muss am Folgetag bereits am frühen Morgen zum Flughafen aufbrechen, da mein Flug nach München bereits um 8:30 Uhr startet. Als ich in München ankomme, mit dem Bus weiter nach Nürnberg fahre, genieße ich die Feiertagsruhe in Deutschland (Tag der Deutschen Einheit). Am Mittwoch muss ich bereits wieder zur Arbeit und werde auch wieder vorsichtig ins Lauftraining einsteigen.

Als ich diese Zeilen hier schreibe, habe ich bereits die Goldenen Meilen von Schwabach (ein Halbmarathon) absolviert, ganz gemütlich, ohne Zeitvorgabe - ich wollte eben gerne bei meinem "Lauf vor der Haustüre" dabei sein, da ich oft auf den Wegen dieses Laufs trainiere. Da in der Lokalpresse bereits der Artikel zu meinem Spartathlon-Finish veröffentlicht war, muss ich natürlich viele Fragen und Auskünfte zu diesem ganz besonderen Ultra geben - ich tue es bereitwillig und dabei wird mir vieles erst nach und nach bewusst!

Text: Roland Krauss, Fotos: Roland Krauss und Ralf Simon (DUV), 13.10.2017