Laufgemeinschaft der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung e.V.

Südtirol Ultra Skyrace (121 km, 7.554 HM) - The most extreme Experience in the Alps Extremberglauf entlang der Hufeisentour in den Sarntaler Alpen

001 Suedtirol Ultra Skyrace StreckeIm Sommer 2015 machten wir Urlaub in Oberbozen, Südtirol. Wir waren in der nahen Umgebung wandern und dabei sind mir seltsame Schilder aufgefallen, die ich näher inspizieren musste. Es waren Hinweisschilder des Südtirol Ultra Skyrace - ich informierte mich und da ließ mich ein Gedanke nicht mehr los!

Schon lange habe ich jetzt daraufhin gefiebert, im Winter eine längere Trainingspause und anschließend reduziert trainiert wegen Leistenproblemen, im Juni dann eine Daumenverletzung mit 3-wöchiger Krankschreibung. Die Vorbereitung war also alles andere als optimal. Aber die Wochen vor dem Lauf gingen dann ganz gut, einige längere Trainings-Bergläufe mit Höhenmetern waren dann doch noch drin.

Bereits am Donnerstag ging’s nach Andrian, einem Vorort von Bozen. Am Freitag, 28.07.2017 konnte man tagsüber seine Startunterlagen holen, ab 17:00 Uhr gab’s Pastaparty, wo ich Laufkollegen Klaus Matthee (Teilnehmer des 10. DUV-Trainingslagers in Hinterstein kennen ihn) traf. Übrigens sind auch bei Massenversorgung die italienischen Pasta einfach lecker!

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18:00 Uhr begann das verpflichtende Briefing, Start war pünktlich um 20:00 am zentralen Waltherplatz in Bozen, Zeitlimit: 40 Stunden für die 5. Auflage des SUSR. Vorher konnten Dropbags für das Pennser Joch (die Hälfte der Strecke) und das Ziel (mit Duschen, Massage etc.) abgegeben werden und beim Einlass zum Startbereich fand noch wie inzwischen üblich eine stichprobenartige Kontrolle der Pflichtausrüstung statt.

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Durch Bozen war der Weg gesäumt von Zuschauern, die uns Läufer freudig anfeuerten. Am Stadtrand ging’s dann gleich einmal heftig ansteigend (20% Steigung) Richtung Oberbozen, die ersten 1.000 HM wurden so auf den ersten 7 km schon mal absolviert. Hier, beim ersten VP, waren nochmals viele Zuseher, Freunde und Familienmitglieder einiger Läufer. Die Dämmerung war jetzt schon fast in die Nacht übergegangen, so wurde es Zeit, die Stirnlampe aufzusetzen und die Ärmlinge hoch zu ziehen.

012 35616841053 db440c805a o PenserJoch1

Weitere 1.000 HM galt es bis zum nächsten VP zu überwinden. Das Rittner Horn (19 km, 2.080 HM) war trotz der Höhenmeter noch auf einfachen Wegen zu erreichen. Hier war sogar ein 2. Zelt mit Heizung aufgebaut, welches ich aber nur kurz besichtigte, nach kurzer Verpflegung lief ich gleich weiter. Bis hierher kannte ich die Gegend von 2015 bei Tageslicht, nun ging es in unbekannte Gefilde, die ausgezeichnete Streckenmarkierung und die Lichter der Läufer vor mir wiesen mir weiter den Weg. Die ersten alpinen Kostproben gab es dann beim Aufstieg zur Sarner Scharte (2.460), inklusive teilweiser Seilsicherung, die aber nicht wirklich notwendig war. Plötzlich war in der Entfernung ein heller Lichtfleck erkennbar, der zunehmend größer wurde. Der nächste Verpflegungspunkt nahte. Das Totenkirchl (30 km, 2.763 HM) war in der Nacht und im Nebel gar nicht als Kapelle erkennbar. Die Überdachung davor prägte in der Nacht das Bild, umrahmt von Holzgeländer. Hier nahm ich gerne warmen Tee etwas Brot und Wurst zu mir. Die Flüssigkeitsvorräte wurden ebenfalls aufgefüllt, damit es zügig weitergehen kann. Noch ein wenig weiter aufwärts. Plötzlich fehlte die Orientierung. Der Nebel hatte nochmals deutlich zugenommen und die nächste Markierung war nicht zu finden. Wieder ein paar Schritte zurück, in diesem Moment war ich alleine. Die Stirnlampe auf maximale Lichtstärke - und tatsächlich ließ sich im Nebel ein kleines reflektierendes Etwas erahnen. Nach ein paar weiteren solcher „Suchaktionen“ ging's wieder etwas abwärts und damit auch aus dem Nebel heraus. Der weitere Weg über die Stöfflhütte bis zum VP4 Schutzhaus Latzfonser Kreuz (39 km, 3.011) verlief relativ unspektakulär. Dankbar nahm die warme Brühe an, inzwischen war es 04:00 Uhr und noch dunkel, aber die Dämmerung würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ca. 40 Kilometer und 3.000 Höhenmeter in 8 Stunden, das heißt ca. 2 Stunden für 10 Kilometer.

Bei einer Entfernung von 121 Kilometer könnte ich vielleicht noch bei Tageslicht wieder in Bozen ankommen. Frisch gestärkt sollte es zügig weitergehen. Aber jetzt wurde es für mich richtig ungemütlich und anstrengend. Fast die ganze Strecke ging über Geröll- und Schotterhänge. Kaum ein wirklich schön zu laufendes Stück Weg. Immer konzentriert auf den nächsten Schritt merkte ich doch auch ein wenig die Müdigkeit. Bei der Flaggerschartenhütte (50 km, 3.706 HM) wartete die nächste Verpflegung. Die war auch dringend nötig, es war schön kurz etwas zu rasten, sich zu stärken, andere Menschen um sich zu haben. Bis zum Penser Joch (2.211) sollte es ja nicht so weit sein, nochmals 9 Kilometer, dann wäre die Hälfte der Strecke (und mehr als die Hälfte der Höhenmeter) ja schon geschafft.

013 36286796561 3d620a4a62 o PenserJoch2Aber die Strecke dorthin ging genauso weiter wie die letzten 10 Kilometer: hauptsächlich Geröll und Schotter - so mühsam! Gegen 10:30 Uhr erreichte ich dann endlich das Penser Joch (59 km, 4.205 HM). Über 6 Stunden für die letzten 20 Kilometer, das waren ja tolle Aussichten für den weiteren Verlauf der Veranstaltung. Naja, ich habe etwas Pasta gegessen, ein alkoholfreies Bier getrunken, nebenbei die Socken, Schuhe und das Leiberl gewechselt. Ein Blasenpflaster habe ich dabei auch noch vorsorglich an einer gereizten Stelle am Fuß angebracht und alles gut geschmiert. Mit der Powerbank aus dem Dropbag habe ich während des ca. halbstündigen Aufenthaltes auch noch die Akkus von Handy und Stirnlampe nachgeladen. Einige andere Läufer haben sich hier aus dem Rennen verabschiedet. Nach ca. einer halben Stunde fühlte ich mich doch wieder etwas gestärkt, es war ja noch nicht mal Mittag - weiter ging’s mit neuer Kraft und frischem Mut.

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Der nächste Gipfel wartete auf mich, dann sollte es erstmal steil abwärts gehen bevor die letzten beiden ordentlichen Anstiege auf mich lauerten. Tja, was soll ich sagen, ratet mal den Namen des nächsten Gipfels??? Gerölljoch - GERÖLLJOCH!!! Dazu braucht es nicht mehr Worte - alles klar? Vom Gipfel des Gerölljochs (2.557) ging es jedenfalls ziemlich steil abwärts. Meine Beine wollten nicht mehr laufen, mehrmals versuchte ich es, aber das schnelle Gehen wollte nur im allerletzten Abschnitt talabwärts wieder in Laufen übergehen. Mehrere Läufer holten mich ein und waren schon bald weit vor mir. Ich nahm etwas von meiner Reserveverpflegung aus dem Rucksack zu mir, vielleicht hatte ich doch zu wenig Kalorien zu mir genommen, irgendwann habe ich kein Gespür mehr dafür, ob ich noch etwas brauche oder nicht, Kalorien zählen ist mir gänzlich unmöglich.

Unten im Tal setzte ich mich dann kurz auf eine Bank, trank noch etwas, schmierte gereizte Stellen nach und besann mich auf den weiteren Weg. Über die Hälfte hatte ich inzwischen hinter mir (an Höhenmetern sowieso), das Zeitlimit war noch weit weg. Nun gut, die zweite Nacht wartete auf mich, aber das sollte jetzt auch nicht ein ernsthaftes Hindernis sein - also: pack mers, weiter geht’s!

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Irgendwann kam dann die Ebenbergalm (72 km, 4.959 HM) in Sicht, von oben wurde eifrig gewunken und angefeiert. Noch schnell um eine Kurve und dann steht da das nächste Verpflegungszelt. Wieder klare Brühe für mich und Cola. Habe ich den ganzen Lauf noch nicht getrunken, aber jetzt war es eine richtige Wohltat! Bisher war es ziemlich bewölkt gewesen, die letzten Kilometer zeigte sich die Sonne aber immer öfter und jetzt hatte ich doch ziemlich Durst (obwohl mein Vorrat noch nicht leer war). Wieder Flüssigkeit auch in den Flaschen nachgefüllt und auffi geht’s. Ich konnte mich einer Gruppe anschließen, die vor Eintritt der Nacht den letzten Gipfel überwunden haben wollte - auch mein Wunsch! Bis kurz vor dem Gipfel des Alpler Nieder (2.624) konnte ich mithalten, dann verlor ich aber zunehmend den Anschluss. Aber der vorletzte Gipfel war geschafft! Eigentlich gar nicht so schwer. Jetzt wieder etwas abwärts, nächster VP und dann letzter Gipfel! … dachte ich.

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Nein, es ging nicht gleich wieder abwärts. Erst noch etwas direkt oben am Grad entlang und dann… Ein Stück Fixseil entlang einer steil abfallenden Wand ohne Weg - aber am Ende des Seils weiter Markierungen des Laufes. Also irgendwie entlang hangeln, mit den Füßen kleine Vorsprünge suchen und mit den verschwitzen Händen gut am Seil anhalten. Dann ging es doch noch abwärts. Aber mir graute vor dem letzten Gipfel. Beim Briefing hieß es, dass hier das gefährlichste Stück auf uns warten sollte - hoffentlich doch noch im Hellen. Erstaunlicherweise konnte ich doch auch wieder laufen, zumindest abwärts. Der Weg wurde zunehmend zu einem Wanderweg, auf und ab, Wurzeln, Stock und Stein - aber doch immer einfacher und insgesamt abwärts. Dann plötzlich tauchten mehrere Hütten vor mir auf, bei einer Hütte ein Zelt, Menschen - es war die Hirzer Hütte (83 km, 6.024 HM). VP vor dem letzten steil ansteigenden und - so vorgewarnt - schwierigsten Teil der Strecke. Ca. 18:30 Uhr angekommen, zügig verpflegt und aufgefüllt, schnell sollte es weiter gehen, noch war es hell, es könnte sich bei Tageslicht der letzte Gipfel (Hirzer/Obere Scharte, 2.698) noch ausgehen.

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Über den Jägersteig ging es steil aufwärts, bald wurde ich überholt. Die nächste Zweiergruppe schloss auf. Sie wollten aber nicht überholen und so blieben wir gemeinsam zusammen, ein Italiener und ein Südtiroler, der hier zu Hause ist. Von ferne nahte uns im Rücken eine Gewitterfront und wir hofften, dass sie im Tal hängen bleibe. Bis zum Gipfel (hier wieder im oberen Bereich über Geröllfelder) und auch wieder abwärts schafften wir es noch beim letzten Tageslicht - die Gewitterfront folgte uns. Im Tal holte uns dann bald erst der Regen und dann auch das Gewitter ein. Nach einem kurzen Gespräch mit einem Streckenposten der Bergwacht und dessen Rücksprache mit der Rennleitung setzten wir unseren Weg fort. Es regnete nicht stark und das Gewitter ließ glücklicherweise immer mehr nach. Die zweite Nacht hatte begonnen, wieder war von der Landschaft nicht viel zu sehen, nur das Gestrüpp und die feuchten Flechten leuchteten wie Silber. Das Licht und die Gedanken auf den Weg fokussiert setzten wir unseren Weg fort. Zwischen Kratzbergsee und Meraner Hütte wurde unser italiensicher Kollege dann schneller und setzte sich ab, der Südtiroler und ich blieben zusammen bis zum Ziel, das allerdings noch mit Hindernissen auf uns wartete. Richtung Meraner Hütte konnten wir uns zunächst noch gut orientieren, ein hölzernes Hinweisschild zeigte uns, dass wir bald dort wären.

027 36030812680 f734f33ab5 o MeranerHütte

Da sich der Weg aber endlos zog zweifelte mein südtiroler Begleiter langsam, ob wir noch auf dem richtigen Pfad wären. Schließlich setzte wieder starker Regen, kalter Wind und dichter Nebel ein und die Orientierung ging uns komplett verloren! Aus der dichten Nebelsuppe tauchte ein weiterer Läufer auf, dessen GPS-Gerät aber leider auch keine Hilfe war. Wir tasteten uns langsam vorwärts, mehr dem Gespür des Einheimischen trauend als wirklich sicher die Richtung wissend. Plötzlich tauchte vor uns ein Gebäude auf - die Bergstation der Seilbahn zur Meraner Hütte. Auch hier war wieder die Bergwacht stationiert und ein Helfer konnte uns bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Weiter abwärts tastend wurde der Nebel etwas lichter, so dass wir uns wieder besser orientieren konnten und freuten, als wir endlich die Meraner Hütte (96 km, 1.960 HM) erreichten. Hier war ein großes Hallo, dann mein Begleiter kannte die dortigen Betreuer. Wir wärmten uns kurz mit Suppe und Tee und setzten dann zu zweit den Weg wieder fort, unserer weiterer Begleiter wollte sich noch etwas länger erholen. Obwohl der restliche Weg bekannt war, hatten wir wegen des Nebels immer wieder Probleme, die Markierungen zu finden und uns zu orientieren. Plötzlich war es taghell und dann ein explosionsartiger Donnerschlag. Wir beide erschraken fast zu Tode. Auf freier Strecke ohne Bäume oder Unterstellmöglichkeiten forcierten wir das Tempo! Schließlich kamen wir den Bereich der Stoanarnen Mandeln - die Gegend kenne ich wieder. Aufgeschichtete Steine, die hier seit Ewigkeiten stehen prägen das Bild. Es ging weiter abwärts, immer noch Nebel, die Sicht reichte gerade von einer Markierung zur nächsten. Zum Glück nahm der Baumbestand zu und die Angst, direkt vom Blitz getroffen zu werden ab. Beim Möltner Kaser (104 km, 1.806 HM) dann das nächste Hallo. Hier versorgten wir uns aber nur kurz und wollten gleich weiter. Die Wege wurden langsam breiter und mehr zu Spazierwegen, so dass uns das Laufen wieder leichter fiel und wir sogar noch ein paar Kollegen vor uns überholen konnten. Es begann schon wieder langsam zu dämmern, als ich plötzlich von enormer Müdigkeit übermannt wurde. Dank meines Begleiters konnte ich aber trotzdem weiterlaufen und so erreichten wir Jenesien (116 km, 1.089 HM) dann bei Tagesanbruch. Kurz nochmals etwas getrunken und gegessen und schon wieder weiter abwärts, dem wartenden Ziel entgegen. Aber was für ein Weg noch - steil abwärts auf einer Asphaltstraße (ich glaube mit 35% Gefälle!). Das ging zum Schluss nochmals ordentlich in die Knie, 800 Höhenmeter auf ca. 4 Kilometer. Das allerletzte Stück ging dann entlang der Talfer auf Asphalt.

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Gemeinsam liefen wir dem Ziel entgegen und wären noch beinahe in die falsche Richtung über die Ziellinie gelaufen. Im letzten Moment war noch mal eine Wende eingeplant. Erschöpft, aber überglücklich nahmen wir unsere Medaillen und Finisher-Shirts entgegen. 34.53:13,0 Stunden war ich unterwegs gewesen, 121 km und 7.551 HM hatte ich bewältigt, 2 Nächte hintereinander laufend durch die Nacht.

031 IMG 3508Das war absolut mein härtester Ultratrail. Vor dem Start glaubt ich noch, dass 40 Stunden Zeitlimit locker reichten sollten - im Ziel war ich froh über den Puffer. Der Sieger Daniel Jung aus Südtirol war mit 18:33.12,9 fast halb so lange wie ich unterwegs. Aber die DNF-Quote mit 47% war hoch. 103 von 179 (57%) Männern und 11 von 22 (50%) Frauen erreichten letztendlich das Ziel in der Wertung.

Der SUSR (http://www.suedtirol-ultraskyrace.it/de/) ist ein liebevoll organisierter Lauf mit einigen Unterdistanzen, die aber zu anderen Zeiten gestartet werden als die Maximaldistanz mit 121 km, so dass ein „Umstieg“ auf eine kürzere Distanz nicht möglich ist. Die Strecke ist ausgezeichnet markiert (bei dichtem Nebel hätten auch Markierungsdistanzen von 10 Metern nicht ausgereicht) aber anspruchsvoll. Die Verpflegung ist ausreichend, die Betreuer überall sehr freundlich und extrem hilfsbereit. Im Anschluss an den Lauf machten wir hier noch eine gute Woche Urlaub und waren dann auch wandern, zum Teil auch auf Streckenabschnitten des Laufes, die ich nur in der Nacht erlebt hatte.

Erstaunt hatte mich im Nachhinein, wie sehr die Dunkelheit die Wahrnehmung einschränkt. Am meisten ist mir das beim Totenkirchl aufgefallen, wo ich erst nach mehrmaligem Nachschauen glauben konnte, dass ich hier vor einigen Nächten bei Dunkelheit und Nebel schon einmal gewesen war.

Text und Bilder: MartinKurz und Veranstalter, 16.10.2017

Philipp Reiter wurde mit einer Zeit von 19:23 Zweiter und Klaus Matthee 20. mit einer Laufzeit von 20:07.